Hochbegabungs-Hysterie?

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    • Hochbegabungs-Hysterie?

      Zugegebenermaßen angeregt durch einen Thread im Lehrerforum (<!-- m --><a class="postlink" href="http://www.lehrerforen.de/thread.php?threadid=22367">http://www.lehrerforen.de/thread.php?threadid=22367</a><!-- m -->) möchte ich hier 2 Links zum Thema einstellen und diskutieren:

      <!-- m --><a class="postlink" href="http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,617440,00.html">http://www.spiegel.de/spiegel/0,1518,617440,00.html</a><!-- m -->
      <!-- m --><a class="postlink" href="http://www.westfaelische-nachrichten.de/lokales/muenster/nachrichten/1046930_Hochbegabungs_Hysterie.html">http://www.westfaelische-nachrichten.de ... terie.html</a><!-- m -->

      Mich haben beide Artikel sehr geärgert, da sie die jahrelange Aufbauarbeit, das Thema Hochbegabung zu einer angemessen sachlichen Diskussion zu führen, zunichte machen. Ich kann von einer Hysterie nichts erkennen. Auch die Experten der HB-Beratungsstellen (nein, keine privaten Institute, sondern öffentliche Einrichtungen) sehen das genauso. Sicher, es mag Eltern geben, die sich im Licht des IQs ihrer Kinder sonnen, aber das ist eine absolute Minderheit.

      Wenn man demgegenüber sieht, wie schwer die Schullaufbahn auch 2009 immer noch sein kann für ein hochbegabtes Kind, dann sind solche Artikel kontra-produktiv. Lieber sollte man auf sachlicher Ebene die Fakten diskutieren, z.B. durch Infos folgender Quellen:

      <!-- m --><a class="postlink" href="http://www.icbf.de/schriftenreihe.htm">http://www.icbf.de/schriftenreihe.htm</a><!-- m -->
      <!-- m --><a class="postlink" href="http://www.uni-marburg.de/fb04/ag-pp-ep/brain/literatur/forschungsergebnisse%20hochbegabte/index_html">http://www.uni-marburg.de/fb04/ag-pp-ep ... index_html</a><!-- m -->

      Einen Fernsehfilm-Film, der sich im wesentlichen mit der Hysterie beschäftigt halte ich für reißerisch und der sachlichen Diskussion abträglich.

      Gruß

      Ubi
      Jeder nach seinen Möglichkeiten!
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Ich denke, das ist eine Medaille, die zwei Seiten hat- einerseits gibt es Eltern, die eine Hochbegabung vermuten, und wirklich von Test zu Test rennen, andererseits, und das ist das wirklich Bedauerliche: Wirklich gefördert werden hochbgegabte Kinder in einer normalen Grundschule nicht...Je nach Leistungsstand der Klasse kann der Unterricht in der Grundschule schon einem "normal intelligenten" Kind den Spaß an der Schule wirklich verderben....
      So saß unsere Große in einer Grundschulklasse mit eher schwachen Schülern. Sie begriff alles etwas schneller als ihre Klassenkameraden und langweilte sich wirklich zu Tode. Erst nach dem Wechsel in die fünfte Klasse ging sie wieder gern zur Schule. Außerdem, so meine Beobachtung, geraten Eltern eines wirklich hochbegabten Kindes schnell in den Ruf "Eislaufeltern" zu sein und das Kind zu Höchstleistungen zu treiben- da heißt es dann im Mütterkreis gerne mal "Kein Wunder,daß seine/ihre Noten so gut sind- das arme Kind muss ja auch den ganzen Tag lesen ( oder am Computer sitzen oder oder oder...)" ohne sich zu fragen, ob das Kind genau dieses vielleicht gerne und freiwillig tut :evil: und keineswegs von seinen Eltern angetrieben wird...
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Schon als wir vor fünf Jahren bei einer Schulpsychologin waren, fiel bei dieser abrupt die Klappe, als ich das Thema (Hoch-)Begabung bzw. Unterforderung ansprach. Und sie erzählte durchaus glaubhaft, dass reichlich viele überflüssige Tests von Eltern angefordert werden.
      Dass ich umgekehrt solche Eltern jetzt persönlich nicht kenne, liegt vielleicht daran, dass sie einen Bogen um meinen beissenden Spott machen. ;)

      Abgesehen ist "Hochbegabung" ja nur im Volksverständnis (irgendwo zwischen Nobelpreis und Genie) halbwegs aufregend.
      In der psychologischen Bedeutung einer "kognitiven Leistungsfähigkeit (Intelligenz)" die mäßig mit Schulleistungen zusammenhängt ist es weit weniger spektakulär.
      Gemittelt ist in zwei Schulklassen nun mal irgendein Kind hochbegabt. Auf Gymnasien sicher auch mal zwei oder drei in einer Klasse.

      Ich persönlich halte auch nichts von "Zusatzfutter".
      Ich hätte gerne am Schuljahresende messbare Resultate.
      Und sei es, dass nach vier Monaten der Stoff für das Schuljahr durch war und danach Freistunden anfielen.

      Der Spiegel-Artikel da oben ist natürlich obergrottenschlecht. Aber irgendwie müssen sich die "freien" Autoren ja durchwurschteln um ihre Familen zu ernähren.


      - Martin

      P.S.: Dass auch durchaus intelligente Eltern sich und ihre Kinder in reißerischen Fernsehformaten exponieren zeigt ja schon, dass Intelligenz nicht wirklich vor Dummheiten schützt.
      Chemie ist wenn es kracht und stinkt, Physik ist wenn es nicht gelingt.
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Ich erlebe es täglich in der Hausaufgabenbetreuung.Mindestens drei Kinder sind in meiner Gruppe die hochbegabt sind.Alle drei haben Probleme im Klassenverband.Sie leiden erheblich darunter das die Mitschüler nicht mithalten können bei Strategiespielen oder auch beim ganz normalen Miteinander.Obwohl sich die Lehrer und Eltern gleichermassen bemühen ist und bleibt es schwierig.Meiner Ansicht nach ist es kaum möglich an einer normalen Regelschule hochbegabten Kindern gerecht zu werden.

      Aus persönlicher Erfahrung mit meinem Sohn dem im 5ten Schuljahr HB attestiert wurde habe ich mit Lehrern gute Erfahrungen gemacht.Allerdings erschreckende mit anderen Eltern deren Kids ebenfalls HB sind.Uns wurde damals nahegelegt Infoveranstaltungen wahrzunehmen.Wir haben uns an eine Selbsthilfegruppe gewandt die damals Hilfe anbot.Jedoch war der allgemeine Tenor das die Kids eben wirklich *besonders* sind.Und gerade Kinder wie mein Sohn die soziale Probleme hatten sollten viel mehr Rücksicht erfahren.Auf meinen Einwand hin das ich mir wünsche meinem Kind Strategien vermitteln zu können wie er mit anderen" nicht HB-Kindern "klarkommt und !glücklich ist bei diesen Kontakten hiess es das wäre der falsche Weg.HB-Kids sind besonders und das muss man gefälligst akzeptieren.Mir half diese Denkweise ganz und gar nicht.Mein Sohn wollte Kontakte.Er sehnte sich danach.
      Dies ist nun fünfzehn Jahre her,mir ist bewusst das sich in der Zwischenzeit viel getan hat.Aber wenn sich nur ein Bruchteil der damaligen Denkweise erhalten hat wundert es mich nicht das letztendlich die Kinder die heutigen Ressetiments ausbaden dürfen :roll:
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Hallo Rena,

      es gibt sie sicherlich, die Eltern, die du beschreibst, auch heute noch. Allerdings sind die doch deutlich in der Minderheit. Wenn wir es zulassen, dass diese Minderheit das Thema dominiert, dann sind wir "falsch unterwegs". Mich ärgert halt, dass auf einen Spiegel-Artikel hin, in dem solche Eltern beschrieben werden und der auch noch schlecht gemacht ist, nun etliche Journalisten auf diesen Zug aufspringen. Das tut dem Thema einfach nicht gut.

      Ansonsten gebe ich dir Recht: das wichtigste ist auch aus meiner Sicht die soziale Integration und da kann man als Eltern nicht früh genug darauf hinarbeiten. Wie hat dein Sohn es denn letztendlich geschafft?

      Die Selbsthilfegruppen, die ich kenne, sind mehrheitlich eigentlich ganz sachlich orientiert. Von denen geht hier die Hysterie eher nicht aus.

      Gruß

      Ubi
      Jeder nach seinen Möglichkeiten!
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      "UBI" schrieb:

      Hallo Rena,

      es gibt sie sicherlich, die Eltern, die du beschreibst, auch heute noch. Allerdings sind die doch deutlich in der Minderheit. Wenn wir es zulassen, dass diese Minderheit das Thema dominiert, dann sind wir "falsch unterwegs". Mich ärgert halt, dass auf einen Spiegel-Artikel hin, in dem solche Eltern beschrieben werden und der auch noch schlecht gemacht ist, nun etliche Journalisten auf diesen Zug aufspringen. Das tut dem Thema einfach nicht gut.

      Ansonsten gebe ich dir Recht: das wichtigste ist auch aus meiner Sicht die soziale Integration und da kann man als Eltern nicht früh genug darauf hinarbeiten. Wie hat dein Sohn es denn letztendlich geschafft?

      Die Selbsthilfegruppen, die ich kenne, sind mehrheitlich eigentlich ganz sachlich orientiert. Von denen geht hier die Hysterie eher nicht aus.

      Gruß

      Ubi


      Es war ein langer Weg für ihn und auch für uns Eltern.In der Grundschule,(Montessori) hatte er noch einige Freunde.Alles war für ihn völlig ok.Erst als er zum Gymnasium kam und dort einfach auch ein wenig herausstach wurde es schlimm.Er wurde von den Mädchen massiv gemobbt und viele Kinder trauten sich nicht zu ihm zu stehen.Sein KL der uns sehr unterstützte streckte irgendwann die Flügel und sagte offen das er keine Chance sieht das mein Sohn an dieser Schule jemals ein erträgliches Schulleben führen könne.Seine Noten waren schon völlig im Keller.Trotzdem hätte ihn ein benachbartes Gymnasium durch vermitteln des KL aufgenommen.Jedoch wehrte sich mein Kind mit Händen und Füssen und wollte partout zur Realschule weil er den Druck wie er sich ausdrückte, nicht aushielt.Wir stimmten zu und er wechselte zur Realschule.Dort wurde er nicht gemobbt ,hatte aber natürlich einen schweren Stand da er durch die Erlebnisse am Gym so traumatisiert war das er kaum noch Kontakt aushielt.Letztendlich waren wir im permanenten Gespräch mit allen Lehrern.Ich habe offen mit den Eltern der Mitschüler geredet und die KL machte es immer wieder zum Thema in der Klasse.Zuhause haben wir permanent versucht ihm aufzuzeigen wie sich Situationen hochschaukeln können und was wir alle tun können um aus diesem Tal zu kommen.Es war wirklich sehr hart für ihn, aber nach zwei Jahren wurde es leichter.Da kam dann das Glück zur Hilfe.Zwei neue Schüler kamen in die Klasse.Genauso chaotisch und unorganisiert wie er ,aber beide sehr umgänglich.Sie hefteten sich stur an ihn und knackten mit der Zeit sein Schneckenhaus.Mein Sohn ist heute noch mit ihnen befreundet.Er ist mittlerweile 23 Jahre alt und hat einen grossen Freundeskreis.Nach der Realschule machte er sein Fachabi und studiert BWl.Mit gelegentlichen Faulzeiten 8)
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      "UBI" schrieb:

      Mich haben beide Artikel sehr geärgert, da sie die jahrelange Aufbauarbeit, das Thema Hochbegabung zu einer angemessen sachlichen Diskussion zu führen, zunichte machen. Ich kann von einer Hysterie nichts erkennen.


      Hallo Ubi,

      In meinem Umfeld gibt es eigentlich auch kein eitles Elternhaus, das einen Test deswegen angestrebt hätte, um ein entsprechendes Zertifikat im goldenen Rahmen an die Wohnzimmerwand hängen zu können. In der Regel war es die Initiative der Schule, die mit dem Testergebnis ein Defizit in der eigenen Urteilsfähigkeit zu kompensieren suchte... Oder das hasenfüßige Dilemma des Rektors, mit einer Entscheidung das Stück Verantwortung nicht alleine tragen zu müssen.

      Jetzt mal unabhängig vom realen IQ, geht die Objektivität bezüglich der Kinder sicherlich oftmals in der "berufsbedingten" subjektiven Sicht auf den eigenen Nachwuchs unter... Der Wunsch nach einer möglichst guten beruflichen Positionierung der lieben Kleinen führt vielleicht mitunter seites der Eltern zum Hinterfragen deren Intelligenz. Das zeigt jedoch eine umfassende Unsicherheit der Eltern darüber, welche Fertigkeiten bei Kleinkindern oder jungen Schulkindern denn "normal" sind. Die natürliche Begebenheit, dass die Eltern in sympatischer Zugewandtheit die Entwicklungssprünge ihrer Sprösslinge mit Stolz und positiver Verstärkung verfolgen, halte ich dagegen für normaler als echtes oder gezwungenes Abwiegeln. Das positive Feedback ist nun mal die Triebfeder für eine positive Einstellung zum Leistungsverhalten bei der Gattung Homo sapiens... Fazit: Eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Thema Hochbegabung ist durch diese subjektive Sicht der Eltern natürlich recht schwer, so dass Emotionen und Querschüsse wohl nie ganz vermieden werden können...

      Es gibt nun aber eine Diskrepanz zwischen dem Förderverhalten in den berichteten Elternhäusern und der Funktionsweise im schulischen Alltag (der Regelschule). Die Kinder haben zu Hause gelernt, dass Leistung durch positives Feedback belohnt wird. In der Schule gelten leistungsstarke Kinder oftmals als "Selbstläufer", die "ihren Weg machen" ohne größere Intervention durch die Lehrkräfte. Der Aufmerksamkeitsfokus wird daher ganz allgemein auf Defizite gelenkt. Dabei wird mit roter Tinte, Ermahnung, Androhung sozialer Abstrafung (Sitzenbleiben) ein negativer Druck aufgebaut, der ein vorteilhaftes Leistungsverhalten erzwingen soll. Dass diese Maßnahmen im jungen Kindesalter (vor der Pubertät) nur sehr eingeschränkt funktionieren, scheint weitgehend unbekannt. (Bei Eltern manchmal auch.) In solchen Schulen jedoch, in denen die positive Verstärkung selbstbestimmter Leistungen den Schulalltag dominiert, werden gerade die Kinder mit einem positiven Verhältnis zur eigenen Leistung nach vorne katapultiert, so dass der kognitive Entwicklungsvorsprung einen hohen IQ-Wert junger Kinder wahrscheinlich macht. Ich würde also mal gerne untersuchen wollen, wie die Schulen im Einzugsbereich der berichteten Region so ticken...

      Es scheint mir in diesem Sinne aber auch logisch, dass ein spärliches Anwenden positiver Rückmeldung im Verhältnis zur Druckkulisse an manchen Regelschulen (gerade in kritischen Phasen wie der Pubertät) am ehesten zu einer Vermeidungshaltung gegenüber der schulischen Leistung führen kann - unabhängig vom Intellekt des Kindes. So kommt es zu einem Widerspruch zwischen den gerne gezeigten vorschulischen Fertigkeiten zu Hause und der aktuell dokumentierten Schulleistung. Dass dieser Mechanismus auch bei hochbegabten Kindern funktioniert, zeigt auf, dass die "schulische Fehlzündung" nichts mit dem neuronalen Substrat der Intelligenz zu tun hat, sondern mit der Funktionsweise limbischer und striataler Hirnareale, die als Erbe der Evolution auch beim Menschen die emotionale Valenz gegenüber selbstbestimmten und geforderten Leistungen definiert.

      "rena61" schrieb:

      Er wurde von den Mädchen massiv gemobbt und viele Kinder trauten sich nicht zu ihm zu stehen.Sein KL der uns sehr unterstützte streckte irgendwann die Flügel und sagte offen das er keine Chance sieht das mein Sohn an dieser Schule jemals ein erträgliches Schulleben führen könne.Seine Noten waren schon völlig im Keller.


      Solche Schüler, die aufgrund unterschiedlicher Leistungsbereitschaft anfangen zu mobben, projezieren die negativen Emotionen gegenüber geforderten Leistungen auf jene, die ein positives Verhältnis zur eigenen Leistung haben, um sie zu zwingen, ihre Leistungsbereitschaft einzustellen. Die Druckkulisse durch die Schule wird als Opposition erlebt, so dass die Rückendeckung des Mobbing-Opfers seitens eines Lehrers die Konfrontation eher noch verstärkt. Es ist auch hier fast unmöglich, ein vorteilhaftes Verhalten durch Strafe oder Schelte zu erzwingen. Persistierende Mobbing-Angriffe werden in solchen Fällen nur durch eine neutrale Truppe psychologisch erfahrener Schoolworker zu deeskalieren sein. Noch besser erscheint mir eine geeignete Prävention, die Leistungsbereitschaft als erstrebenswert und Mobbing als persönliche Rückprojektion des eigenen Versagens so erklärt, dass es Kinder verstehen können. Alles andere funktioniert auf Dauer nicht.

      Viele Grüße von

      Marius
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      "UBI" schrieb:

      Die Selbsthilfegruppen, die ich kenne, sind mehrheitlich eigentlich ganz sachlich orientiert. Von denen geht hier die Hysterie eher nicht aus.

      Also ich habe reale Hb-Eltern nur bei Kursen gegen Mobbing oder für Lernen-Lernen kennengelernt. Und da war das absolut so.
      Aber was wäre gewesen, wenn ich beim Elterngespräch zum "Chinesisch-Crashkurs" gesessen hätte?


      - Martin
      Chemie ist wenn es kracht und stinkt, Physik ist wenn es nicht gelingt.
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Über eine erhöhte leistungsfreundliche Grundeinstellung würden wir Lehrer uns auch ziemlich freuen. So lange das Wort "Streber" noch exisitiert (als sei das nach-etwas-Streben etwas Schlechtes!!), ist es schwerer, als mancher so denken würde, mal eben fix "ein leistungsfreundliches Klima zu installieren", wie eine Heizung oder so.
      Und ich stimme Martin zu: die Testeritis-Eltern lernen Menschen, die sich seit Jahren ganz umsichtig und bewusst, in ersthaften Foren und durch Studium von Fachliteratur dazu, mit Hochbegabung beschäftigen, eher nicht kennen. Außer man ist Lehrer. Da kommt das schon öfter vor. Dass hier Anwesende solche Eltern weniger erleben, wundert mich aqngesichts der Tatsache, dass sich hier offensichtlich ein Kompetenzteam trifft, weniger. Die Testeritis-Eltern sind auch nicht die, die sich wirklich mit HB auskennen. Die haben eher ein paar Sendungen auf RTL2 gesehen und ein bisschen Bild-Zeitung gelesen, ein paar Phrasen und Indizien aufgeschnappt und beschlossen, dass ihr Kind hoch begabt ist. Und von ersthaften Hochbegabtengesellschaften, Tefffs und Vereinen werden die sich schön fern halten. Da könte nämlich ein Realitätscheck statfinden :wink: .
      Die auch bei Eltern immer noch hoch beliebte Notengebung ist leider das Hauptübel des fortwährenden demotivierenden Feedbacks: Wenn ich gezwungen bin, aufgrund diverser Erlasse eine 4 oder 5 zu geben, ist es ziemlich schwierig, direkt neben der Note noch etwas positiv Verstärkendes zu formulieren. Obwohl ich das immer versuche und vor allem auch die Tipps zur Verbesserung umfangreich anbiete. Ohne die 5 käme das aber besser. Und die Kinder lassen sich nur so und so lange 'verscheißern': irgendwann wissen sie, dass eine 5, wenn auch mit netten und ermutigenden Worten daneben, eine Scheißnote ist. Und damit ist dann auch das Fach Scheiße. Oder der Lehrer. Am besten beides. Projekte und benotungsfreie Einheiten einzubauen ist bei mir immer ein Ziel, soweit es die Enge des Lehrplans zulässt - und natürlich versuche ich jeden Schüler für jeden Versuch auf seinem Lernweg zu loben - das ändert nicht viel daran, dass für die Zufriedenheit am Ende doch wieder nur die Gesamtnote zählt (bis auf die Nettigkeitspunkte, die ich bekomme etc...)Schade eigentlich. Um das Fach. Und die Neugier und so.
      Ich habe kein Interesse daran, diesen Benotungs-Unsinn weiterzuführen. Lernpsychologen sind schon lange meiner Meinung. Ob die Änderung noch zu meinen Lebzeiten stattfinden werden, kann ich nicht sagen, ich tippe mal, nein. Und die Notenlobby liegt eher nicht bei den Lehrern. Die meisten finden das bisherige System eher unschön und unpasend, selbst demotivierend und nie wirklich gerecht.

      Interessant fand ich übrigens auch die Aussage des Herrn Rost:
      (...) Ignoranz" der Schulen: Dass ihr 13-jähriger Sohn eher Zweien und Dreien schreibe, liege zumeist an den "schlecht formulierten Fragen der Lehrkräfte".

      Psychologieprofessor Detlef H. Rost, der seit über 30 Jahren zu hochbegabten Kindern forscht, hält solche Einschätzungen für "ziemlichen Unsinn". Bei Studien an kleinen Probanden habe sich gezeigt, dass weit über 90 Prozent "sehr gute Noten" schrieben und sozial absolut angepasst seien. In der Öffentlichkeit habe sich aber das "absurde Gerücht" verbreitet, dass Hochbegabung fast immer mit schlechten Noten und Verhaltensauffälligkeiten einhergehe. Wenn ein tatsächlich hochbegabtes Kind sich in der Schule danebenbenehme, dann habe das "in 90 Prozent der Fälle mit Erziehungsversagen und nicht mit überragender Intelligenz zu tun".


      Dieser Herr gilt ja nun nicht als ein "mal so ins Blaue - Schwätzer" und ich gehe davon aus, dass seine Beobachtungen durchaus fundiert sind. Dagegen kann natürlich in der Tat nur Aufklärung und eine sachliche Diskussion helfen, Hysteriewarnungen sind da eher unhilfreich. Genauso unhilfreich wie die jahrzehntelange Verneinung oder Bagatellisierung des Themas...
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      "Meike" schrieb:

      Interessant fand ich übrigens auch die Aussage des Herrn Rost:

      [...]Bei Studien an kleinen Probanden habe sich gezeigt, dass weit über 90 Prozent "sehr gute Noten" schrieben und sozial absolut angepasst seien. [...]


      Dieser Herr gilt ja nun nicht als ein "mal so ins Blaue - Schwätzer" und ich gehe davon aus, dass seine Beobachtungen durchaus fundiert sind.

      Leider kann man keine belastbare Aussage über die Beobachtungen des Prof. Rost aufgrund eines Spiegel-Artikels von Hr. Kleinhubbert machen. Letzterer ist ja "Universal-Journalist" (welch ein Euphemismus ;-)) und wird morgen vielleicht über "Kaninchenzüchter" schreiben.

      Mir ist nicht bekannt, was mit "kleine Probanden" gemeint ist, vielleicht die Kinder im Grundschulalter?
      Bekannt ist mir aber, dass Prof. Rost in seiner MHP-Langzeitstudie auf 16% Hb-Schulversager kam.
      Über seine Definition von Schulversager könnte man diskutieren, aber "sehr gute Noten" beinhaltet diese nicht - es sei denn, auf einer Hauptschule.
      Auch ein um 0,4 Noten über dem Durchschnitt liegender Hb-Abiturschnitt deutet nicht in diese Richtung.


      - Martin

      P.S.: Bekannt ist, dass Prof. Rost keine signifikanten Unterschiede bei der sozialen Integration von Hb-Kindern sieht. In wie weit dafür "Anpassung" notwendig ist entzieht sich meiner Kenntnis.
      Chemie ist wenn es kracht und stinkt, Physik ist wenn es nicht gelingt.
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      ICh denke mal, dass sich Prof. Rost auf die Ergebnisse seiner Langzeitstudie bezieht. Da hat er auch ausführlich die Noten der Kinder verfolgt, sowohl in den Einzelfächern als auch die Notenschnitte. Und 0,4 besser im Durchschnitt ist ja nun so wenig auch nicht. "sehr gute Noten" ist natürlich interpretationsbedürftig. Ich gehe davon aus, dass er da die Stufen 1-3 zusammenfasst. Was dann kein Widerspruch zu seinen Underachiever-Zahlen wäre. Oder der Herr vom Artkel hat das Inteview nicht sauber aufgeschrieben.

      "Meike" schrieb:

      Über eine erhöhte leistungsfreundliche Grundeinstellung würden wir Lehrer uns auch ziemlich freuen.

      Ich weiß, dass da schwierig ist, aber da wird das Umdenken in den Schulen einsetzen müssen und sich dann auf die Familien übertragen. Man könnte ja mal ein Experiment starten, Meike. Du berufst einen Elternabend ein, erklärst, warum die Notengebung total kontraproduktiv ist und dass du nun folgendes vorhast: Den Kindern würdest du nur noch Verbalbeurteilungen geben mit differenzierten Aussagen, wie sie ihre persönliche Leistung verbessern können. Da du ja verpflichtet bist, Noten zu geben, schickst du diese per Post an die Eltern, die sie zur Kenntnis nehmen und ansonsten unter Verschluss halten. Ich denke zwar, dass da etliche Eltern nicht mitmachen wollen, aber einen Versuch wäre es ja mal wert. Allerdings müsstest du deinen Unterricht auch ziemlich individualisieren, damit die Kinder Anreize behalten, die nicht aus den Noten kommen.

      Und liebe Lehrer hier: seid mal ehrlich: mögt ihr eure Einserschüler? Ich denke, dass das nicht immer der Fall ist. Die nerven, stören die Unterrichstentwicklung durch Vorwegnahme von Antworten und Fragen an unpassenden Stellen. Ich bin sicher, dass Lehrer immer Signale an gute Schüler aussenden (Körpersprache etc.), die fitten Kindern signalisieren, dass ihr Typ gerade nicht gefragt ist. Intelligente Kinder mit schlechten Noten haben es da auch nicht besser. Ich meine das nicht als Vorwurf, sondern ich denken, das liegt inherent am System. Die anderen Kinder nehmen die Lehrerabneigung auf und fühlen sich dann ermutigt, zur Ausgrenzung beizutragen. Ich kann verstehen, dass manche Kinder ihren Kopf nicht weiter herausstrecken wollen, als das umliegende Gras hoch ist. Auch das ist eine leistungsfeindliche Gesellschaft.

      Gruß

      Ubi
      Jeder nach seinen Möglichkeiten!
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      "UBI" schrieb:

      Oder der Herr vom Artikel hat das Inteview nicht sauber aufgeschrieben.


      Welches Interview?!

      In NRW gab es ja vor einiger Zeit (welcher Wahlkampf weiss ich nicht mehr ;-)) ja mal Bestrebungen, die Notengebung abzuschaffen. Da fühlte sich das Schulministerium bemüßigt zu dem Statement, dass die Noten ein unverzichtbares Element der Disziplinierung sind.
      Ich meine, was passiert denn, wenn Schüler oder gar Eltern(!) nur 10% nachlassen? Das kostet Millionen und Abermillionen in Pisa wieder ins Mittelfeld zu kommen...


      - Martin
      Chemie ist wenn es kracht und stinkt, Physik ist wenn es nicht gelingt.
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Mich würde mal interessieren, wieviele hochbegabte Kinder es gibt, von denen man es gar nicht weiß. Die nie einen IQ-Test gemacht haben, weil es keinen "Anlass" dazu gab. Die meisten Kinder werden ja getestet, weil sie aus irgendeinem Grund auffallen. Sei es das Sozialverhalten oder schlechte Noten aus Langeweile. Bekannt, vor allem in der Öffentlichkeit, werden halt nur die "Problemkinder". Und daraus schließen einige Leute: Alle hochbegabten Kinder haben Probleme; und umgekehrt: wenn mein Kind Probleme hat, ist es hochbegabt.
      Eigentlich müssten alle Kinder so gefördert werden als wären sie hochbegabt. Es kann doch eigentlich nicht sein, dass Kinder auf Grund ihres IQs aufgeteilt werden - du hast einen IQ von 132 und darfst in der Hochbegabtenklasse tolle Projekte machen und du musst mit einem IQ von 128 in den normalen Unterricht gehen.
      Viele liebe Grüße
      Strelizie
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Sehr richtig Strelizie,

      wie sagte es jemand hier mal, der Teamfortbildungen im Kindergarten macht: "Begabungsförderung ist gut für jedes Kind." Damit das wirklich auch so umgesetzt werden kann, müsste sich Schule aber grundlegend ändern. Und wie Martin gerade ja schrieb, sieht das die Politik zur Zeit anders.

      Gruß

      Ubi
      Jeder nach seinen Möglichkeiten!
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Nun ja, man könnte in erster Näherung die Anzahl der Kinder eines Jahrganges mit zwei multiplizieren und dann durch hundert teilen, danach die Anzahl der getesteten Kinder abziehen. Der Nutzen der Rechnung wäre aber m.E. relativ gering.
      Dass wesentlich mehr Kinder mit Schwierigkeiten getestet werden als ohne ist ja unstrittig.

      In NRW wird eigentlich nicht so sehr auf IQ>=130 herumgeritten. Das Schulministerium bevorzugt einen "dynamischen Begabungsbegriff".
      Also ich kenne bei uns keine schulischen Förderangebote, die das als hartes Kriterium hätten.
      Kommerzielle Extrakurse müssen sowieso Kompromisse schließen, um auf ihre (Teilnehmer-)Kosten zu kommen

      Und eine Hb-Klasse, *hüstel*, wie oben schon ausgeführt kumulieren sich da Problemkinder.


      - Martin
      Chemie ist wenn es kracht und stinkt, Physik ist wenn es nicht gelingt.
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Tja, Ubi - ich fürchte, jeder Dienstherr würde mir bei deinem Vorschlag die entsprechenden Erlasse zitieren und mich wegen Unterlassung meiner Dienstpflichten zu eben der Durchführung derselben ziemlich radikal anhalten - und die Eltern, die da mitspielen würden, hab ich auch noch nicht getroffen - und ich habe schon mit vielen über das Thema gesprochen. Die Kinder spielen da übrigens auch nicht mit. Die Notengeberei hat sie alle schon dermaßen ver-zogen, dass sie die individuellen Fortschritte (die ich ja via motivierender Anmerkungen immer bei den Arbeiten und auch sonst mitdokumentiere) eher weniger interessieren - die Note wollen sie! Jetzt, sofort. Diese Zahlen dominieren den Schulalltag komplett und sind m.E kontraproduktiv hoch zehn.
      Was die Individualisierung des Unterrichts angeht: die versuche ich schon immer mit allen mir gebotenen Mitteln. In Klassen mit 10-15 Schülern kriege ich sie auch hin. In Klassen mit 30 nicht.
      Und die nervenden Einserschüler habe ich auch noch nicht getroffen. Auch nicht die nervenden intelligenten nicht-Einserschüler. Ich arbeite allerdings auch nicht frontal. Da macht es nix, wenn einer die Antworten schon weiß, zumal "die Antwort" bei einer Meinungsdiskussion oder kreativen Arbeitsphase eh nicht gefragt ist - weil sie nicht feststeht - sondern Arbeitsprozesse. Fragen mit Ein-Satzantwortmöglichkeiten stelle ich eher selten.
      Auch unter den Kollegen begenen mir die Einserschülerhasser eher nicht...
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      "UBI" schrieb:

      Und liebe Lehrer hier: seid mal ehrlich: mögt ihr eure Einserschüler?


      Nun ja, ich predige Töchterchen immer, dass man in erster Näherung keine "Einsen" bekommt, wenn man nicht auf der Wellenlänge der Lehrer liegt.
      (Und dass ich deshalb gar nicht erst darüber diskutiere, warum sie irgendwo keine "Eins" bekommen hat.)
      <hundsgemein>M.E. ist müsste die Frage korrekt lauten: Würdet ihr (auch) unruhige Klugscheisser mögen?</hundsgemein>
      (Unter der Randbedingung, dass dies durchaus ein Effekt von unzulänglichem Unterricht sein kann.)


      - Martin
      Chemie ist wenn es kracht und stinkt, Physik ist wenn es nicht gelingt.
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Das mit den nicht mehr zu vergebenden Noten halte ich für ein zwar schönes, aber utopisches Gedankenspiel. Solange die Nach-Schulwelt auf die Schnelle angeblich ojektiv vergleichbare Abschlusse möchte, wird die Schule wohl nicht um die Noten herumkommen. Und die Öffentlichkeit möchte ja auch immer wissen, wo "wir" stehen - siehe PISA, IGLU und was es noch alles so gibt.

      Zum Ausgangsthema: Ich kenne sowohl solche als auch solche Eltern. In unserer Umgebung gibt es eine anerkannte Hochtesterin, die schon viele Eltern auf den falschen Zug gesetzt hat. Ich denke nur an den Jungen einer Freundin mit der "HB im räumlichen Vorstellungsvermögen" und seinen Bruder mit einem "IQ von jetzt schon 120, Winkelfehlsichtigkeit, Wahrnehmungsstörungen und eigentlich doch hb", dessen Mutter auf das Unterforderungspferd gesetzt wurde. Es hat langer Gespräche mit dem Leiter unserer Förderstelle, zweier Wochenendseminare zum Thema HB mit einer sehr kompetenten Kursleiterin und einiger Jahre bedurft, bis sie einsah, dass die Probleme ihrer Kinder nicht in der Unterforderung liegen, sondern ganz andere Baustellen zu bearbeiten sind. Die Testung beim Schulpsychologen wurde noch mit den Worten: "Der beachtet die Besonderheiten meiner Kinder nicht, eigentlich sind sie hb, wenn man nur richtig auf sie eingeht." abgetan. Ich weiß nicht, ob man da unbedingt den Eltern den Vorwurf machen muss, wer an einen sogenannten Fachmann gerät und diesem bedingungslos vertraut, landet leicht auf der falschen Spur. Nur wird es dann halt schwierig, wenn diese Eltern in der Schule auflaufen, die ihrem Kind ihrer Meinung nach zustehende Extra-Förderung verlangen und der Lehrer ganz andere Baustellen sieht, die vorrangig sind.

      Mit aus diesem Grund wurden die Zugangsvoraussetzungen zur HB-Förderung bei uns massiv verschärft. Voraussetzung ist die schulpsychologische Anerkennung einer HB. Wobei die Schulpsychologin beim Gespräch mit unserer Elterngruppe erklärte, dass es eben nicht um Pünktchenfeilscherei nach dem Motto: 129 nein, 130 ja ginge, sondern sie bei knappen Fällen die Gesamtsituation betrachte, nach der sie dann entweder die Empfehlung zur Fördergruppe ausspreche oder nicht. Und seit dieser Zeit ist nach meinem Empfinden die Akzeptanz bei der Lehrern enorm gestiegen, sie gehen davon aus, dass von Schulpsychologen keine Gefälligkeits- oder auch unklare Gutachten (die berühmte HB im räumlichen Vorstellungsvermögen) erstellt werden. Es gibt übrigens nicht nur die Förderung der HBs, sondern auch noch eine reine Hochleisterförderung unabhängig vom festgestellten IQ.

      Und trotzdem ist die Schule für meinen HB-Sohn kein Zuckerschlecken. Was jedoch nicht an der HB liegt, sondern am zusätzlich vorliegenden Aufmerksamkeitsproblem. Und ich finde, man tut Schule, Lehrern und Kindern unrecht, wenn ihn jetzt in die Reihe der HBs, die es in der Schule schwer haben, einreiht, da die HB ihm bisher eher geholfen als ihn gehindert hat. Ich stelle mir die Problematik immer an einem plastischen Beispiel vor: Angenommen, es gäbe einen Fußball-HB-Test, durch den man ganz leicht herausfinden könnte, ob ein Kind das Zeug zum Profifußballer hat. Jetzt wird ein Kind in dieser Richtung getestet und ohne ausführliche Information haben die Eltern leicht die Vorstellung eines zukünftigen Nationalspielers im Kopf. Dass es Profifußballer auch ein paar Klassen tiefer gibt, nicht jeder, der das Zeug dazu hat, auch über den entsprechenden Willen verfügt, das Kind vielleicht ein lahmes Bein hat, Angst vor einem Kopfball, Konzentrationsprobleme bei johlendem Publikum oder lieber Autorennfahrer werden möchte, gerät dann leicht in Vergessenheit. Jetzt gehen die Eltern zum Trainer und verlangen, dass er das Potential ihres Kindes hebt. Bis auf Nationalspielerebene. Wenn das Kind nicht möchte, hat er es eben nicht genügend motiviert, denn mit diesem Potential muss es einfach wollen. Das lahme Bein ist nur ein Zeichen der Unterforderung, der Trainer soll ihm besondere Übungen geben. Schwierigere als den anderen. Dann wird es schon loslegen. Angst ist ein Zeichen der fehlenden Förderung und Sensibilität des Trainers. Die Konzentrationsprobleme treten ebenfalls nur wegen der Unterforderung auf. Wenn das Spiel spannend genug wäre, gäbe es damit kein Problem. Genauso wie mit dem unsinnigen Wunsch nach einer Rennfahrerkarriere. Und dann gibt es noch das Kind, bei dem alles passt. Die Begabung, die Anstrengungsbereitschaft, die tatsächlichen Fähigkeiten - das sind für mich im übertragenen Sinne die Kinder, die man dann bei "Jugend forscht" und anderen Wettbewerben trifft. Und die - die Wahl der richtigen Schule, die sich dort engagiert, vorausgesetzt - von ihren Lehrern auch gefördert werden.

      Aus o. g. Gründen finde ich es mittlerweile sehr schwierig, wenn es darum gehen soll, DEN Hochbegabten gerecht zu werden, da es DEN Hochbegabten so nicht gibt. Jedes Kind ist besonders und sollte individuell gefördert werden. Wobei die isolierte Hochbegabung gemessen an einem IQ-Wert m. E. in den Hintergrund treten sollte. Wir messen ja auch nicht bei allen anderen Kindern den IQ und ziehen dann den Plan entsprechend des IQs aus der Schublade.

      Grauseldis
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Hi Grauseldis,

      schön ge- und beschrieben.

      "Grauseldis" schrieb:

      Und trotzdem ist die Schule für meinen HB-Sohn kein Zuckerschlecken. Was jedoch nicht an der HB liegt, sondern am zusätzlich vorliegenden Aufmerksamkeitsproblem.

      Ich übersetze dann "hb" noch mit "halbwegs begabt" und hatte ich bisher mit allen(!) Lehrern eine deckungsgleiche Sicht auf die Lage.
      Und selbst wenn einer Töchterchen für absolut durchschnittlich hielte - solange ich nicht gleichzeitig(!) etwas fordere, das er entweder nicht leisten kann oder will, dann gibt es eher keinen Grund mich ernüchtern zu wollen. Eltern sind halt so und nicht zu ändern. ;)


      - Martin
      Chemie ist wenn es kracht und stinkt, Physik ist wenn es nicht gelingt.
    • Re: Hochbegabungs-Hysterie?

      Grauseldis, so sehe ich das auch - danke für den Beitrag!
      Trotzdem irgendwie schade, dass die Fortschritte im Bereich 'Ermöglichung individueller Förderung' (i.e. Personal, Material, Aus- und Fortbildung, Gruppengröße, Räume und Flexibilisierung der Zeiten) nach wie vor so endlos langsam gehen (und es teilweise Rückschritte gibt)... wie es geht, weiß man schon lange, aber Geld geht nach wie vor vor Kinder. Das werden wir vermutlich in Zukunft büßen.