Mythen und Fakten

    Diese Seite verwendet Cookies. Durch die Nutzung unserer Seite erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies setzen. Weitere Informationen

    • Mythen und Fakten

      Hallo,

      was haltet ihr von folgenden Aussagen? Stimmt das? Entspricht das euren Erfahrungen?

      1. Kinder mit besonderen Fähigkeiten haben ehrgeizige Eltern, die ihre Kinder in den entsprechenden Fertigkeiten trainieren.

      2. Kinder mit hohen Fähigkeiten zeigen diese durch sehr gute Schulnoten.

      3. Kinder mit hohen intellektuellen Fähigkeiten sind häufig im sozial-emotionalen Bereich zurückgeblieben.

      4. Eltern behaupten grundlos, ihr Kind langweile sich in der Schule und beschäftige sich zu Hause mit weit schwierigeren Aufgabenstellungen als in der Schule.

      5. Sehr fähige Kinder brauchen keine besondere Förderung, da sich ihre Begabungen so oder so im Leben durchsetzen.



      Grüße Enja
    • mhh also meine eindrücke die sogar sehr subjektiv sind

      1. gibt es, aber nicht immer! oft erst wenn man sie drauf anspricht.


      2. NEIN, garnicht zwangsläufig, da sie sich eben oft langweilen und dadurch stören und auch sachen als leicht endfinden sich daher weniger konzentireren und dann fehler machen!

      3. mhhh nicht umbedingt! aber auch die erfahrung habe ich gemacht

      4. hab ich keine erfahrung zu! aber kann mir kaum vorstellen das man sowas einem kind antut?!

      5. nein das würde ich nicht sagen, z.b ein schüler ist wirklich unterfordert stört den unterricht enorm, und wird durch unterforderung depressiv, deswegen würde er seinen schulischen werdegang stark gefährend. Jetzt der schlimmste fall, er kommt auf eine sonderschule für schwererziehbare und bekommt also so einen schlechten abschluss, damit ist sein leben doch warscheinlich verbaut, auch wenn er super in bestimmten sachen ist (z.b Mathe) dies aber nie zeigen könnte!
      also wenn man es weiß find ich sollte man drauf achten das auch begabtekinder mal eine schwierige aufgabe bekommen...
    • Hallo

      "1. Kinder mit besonderen Fähigkeiten haben ehrgeizige Eltern, die ihre Kinder in den entsprechenden Fertigkeiten trainieren."

      Das gibt es in beiden Richtungen. Leider gerade im Vorschulbereich nicht immer einfach zu trennen. Erzieher ohne Erfahrung mit HB-Kinder können sich allerdings manchmal nicht vorstellen, wieviel Zeit Kinder in das selbstständige Erlernen von z.B. Lesen stecken, wenn sie sich das einmal in den Kopf gesetzt haben.

      "2. Kinder mit hohen Fähigkeiten zeigen diese durch sehr gute Schulnoten."
      Dass das nicht immer so ist, ist, denke ich, mittlerweile weitestgehend bekannt.

      "3. Kinder mit hohen intellektuellen Fähigkeiten sind häufig im sozial-emotionalen Bereich zurückgeblieben."
      Noch so ein Klischee. Es kann aber durchaus so sein, dass die Kinder emotional altersgerecht entwickelt sind, das fällt dann natürlich auf, weil man sie oft für älter hält, als sie sind. Und dann gibt es die Kinder mit echten sozialen Defiziten. Da muss man dann schauen, wo das herkommt. Von Erziehungsunfähigkeit im Elternhaus, über Langeweile im Unterricht bis zu Mobbing auf dem Schulweg und in der Pause.


      4. Eltern behaupten grundlos, ihr Kind langweile sich in der Schule und beschäftige sich zu Hause mit weit schwierigeren Aufgabenstellungen als in der Schule.
      Es gibt immer die Elternsicht und die Lehrersicht auf die Kinder. Beides muss nicht übereinstimmen. Auch objektiv nicht. Einige Kinder sind Echte SChauspieler, die sich in der Schule tatsächlich ganz anders verhalten können.

      "5. Sehr fähige Kinder brauchen keine besondere Förderung, da sich ihre Begabungen so oder so im Leben durchsetzen. "
      Sicher nicht richtig.

      Gruß

      UBi
      Jeder nach seinen Möglichkeiten!
    • Meine Antworten würden sich nahezu hundertprozentig mit UBIs decken, ich kann mir das Tippen also sparen...

      edit: eine interessierte Nachfrage hätte ich allerdings zu dem Punkt mit den (vergleichsweise) unterentwickelten sozialen Kompetenzen / dem Empathievermögen. Ich kenne einen hoch begabten jungen Mann, zu dem ich nach seinem Abi noch in sporadischem Kontakt stehe und der behauptet genau das (von sich und seinesgleichen). Er berichtet unter anderem, es sei in diversen Foren und bei Treffen z.B. auf Schülerakademien gängig, nicht von Normalbegabten, sondern von "Idioten" zu sprechen. Sicher auch angestauter Schulfrust, aber nicht nur... und es gäbe hochfrequent Hochbegabte, die mit den "Unberechenbarkeiten" des sozialen Miteinanders hoffnungslos überfordert wären.

      Wie sind da so die Erfahrungen?
      Meine bestätigen seine Aussagen nicht (ich finde auch nicht, dass dieser junge Mann sie erfüllt, auch wenn er es von sich (z.T.) behauptet), sie sind aber wahrlich nicht empirisch ausreichend. Seine Beschreibung hat mich schon ... erstaunt. :shock:
    • Danke Meike,

      ich freue mich auf jeden Fall, dass es das Unterforum jetzt gibt und hoffe auf echten Austausch. Wer immer die Idee hatte, ich finde das Thema hat es verdient, genau wie Teilleistungsstörungen, die es ja schon länger gab. Ich würde mir allerdings auch wünschen, dass es nicht in Schlägereien ausartet, sondern dazu beiträgt, Verständnis füreinander zu entwickeln.

      Beste Grüße

      Ubi
      Jeder nach seinen Möglichkeiten!
    • Na ja,

      wer andere als Idioten bezeichnet, gibt kein gutes Bild über seine eigenen Intelligenz ab. Zumindest ist das meine Meinung. Es ist allerdings so eine Gratwanderung, einerseits soll man stolz sein dürfen auf das, was man leistet, andererseits führt hohe Leistung in Form von guten Schulnoten aber auch schon mal zu Ausgrenzung und Streberimage. Da mag der ein oder andere Betroffene überreagieren. Was ich aber in keinster Weise entschuldigen möchte.

      ... und es gäbe hochfrequent Hochbegabte, die mit den "Unberechenbarkeiten" des sozialen Miteinanders hoffnungslos überfordert wären.


      Die gibt es tatsächlich. Hochfrequent, das würde ich bezweifeln. Schließlich wissen viele Leute ja ihren IQ gar nicht. Getestet wird ja am ehesten, wenn es Probleme gibt. Unter Physikstudenten war der lebensuntüchtige Typ auch ein bekanntes, wenn auch nicht häufiges Phänomen. Ob das mit dem IQ korreliert? Ich hätte da meine Zweifel.

      Gruß

      Ubi
      Jeder nach seinen Möglichkeiten!
    • eine interessierte Nachfrage hätte ich allerdings zu dem Punkt mit den (vergleichsweise) unterentwickelten sozialen Kompetenzen / dem Empathievermögen.


      Man kann auch ein sehr hocht enwickeltes Empathievermögen mit HB in Zusammenhang bringen. Allerdings ist es das eine, so zu empfinden und das andere, es dann sinnvoll umzusetzen.

      Gruß

      Ubi
      Jeder nach seinen Möglichkeiten!
    • Hallo Meike,

      "eine interessierte Nachfrage hätte ich allerdings zu dem Punkt mit den (vergleichsweise) unterentwickelten sozialen Kompetenzen / dem Empathievermögen. Ich kenne einen hoch begabten jungen Mann, zu dem ich nach seinem Abi noch in sporadischem Kontakt stehe und der behauptet genau das (von sich und seinesgleichen). Er berichtet unter anderem, es sei in diversen Foren und bei Treffen z.B. auf Schülerakademien gängig, nicht von Normalbegabten, sondern von "Idioten" zu sprechen."

      Gängig ist das sicher nicht. Meine Kinder bewegen sich auf diesem Parkett, haben hier einen bunt durchmischten Freundeskreis. Wer diese Gruppen mal erlebt hat, dem ist das nicht vorstellbar. Auf den Schülerakademien finden sich zudem eher weniger die mit dem Schulfrust. Man kommt praktisch nur auf Schulvorschlag dorthin.

      "Sicher auch angestauter Schulfrust, aber nicht nur... und es gäbe hochfrequent Hochbegabte, die mit den "Unberechenbarkeiten" des sozialen Miteinanders hoffnungslos überfordert wären."

      Es gibt sicherlich solche Fälle. Manchmal auch als Folge von Dauerunterforderung und Dauermobbing. Wenn man nie zu einer Gruppe gehören darf, kann man entsprechende Fähigkeiten nicht entwickeln.

      Grüße Enja
    • Auf den Schülerakademien finden sich zudem eher weniger die mit dem Schulfrust. Man kommt praktisch nur auf Schulvorschlag dorthin.
      So viel ich weiß überhaupt nur so. Ich musste ellenlange Formulare ausfüllen und "Lobeshymnen" ;) schreiben, was ich zwar gerne tat, aber es hat mich doch geärgert, dass ich partout nur einen Schüler empfehlen durfte.

      Gibt es denn noch andere Wege, jemanden da "reinzuschmuggeln"? Solche Tipps kann ich immer mal gebrauchen...
    • Ich habe diese Thesen aus dem Buch von Joelle Huser. Lichtblick für helle Köpfe. Sie stellt ihnen jeweils die Fakten gegenüber, wie sie sich aus psychologischen Studien ergeben haben.

      1. Kinder mit besonderen Fähigkeiten lernen aus eigenem Antrieb und Neugierde und werden in den allermeisten Fällen nicht von ihren Eltern gepuscht.

      2. Kinder mit besonderen Fähigkeiten versuchen sich häufig dem Niveau der Klasse anzupassen oder machen bei Übungsaufgaben viele Flüchtigkeitsfehler. Gerade bei Kindern mit sehr hohen Begabungen gibt es immer wieder welche, die schulisch völlig versagen.

      3. Intelligente Kinder sind in der Regel auch in der sozial-emotionalen Entwicklung voraus, wenn auch nicht immer ebenso weit entwickelt, wie im emotionalen Bereich.

      4. Kinder mit hohen Fähigkeiten zeigen in der Schule häufig ein anderes Verhalten als zu Hause und sagen kaum, dass es ihnen langweilig ist.

      5. Damit sich hohe Fähigkeiten entfalten und sich kluge Kinder gesund entwickeln können, brauchen sie eine besondere Förderung und Begleitung. Wenn sich Begabung von alleine durchsetzen würde, hätten wir in den Spitzenpositionen des öffentlichen Lebens gleich viele Frauen wie Männer.

      Als Quellen gibt sie an:

      Schär, Anita: Was ist Hochbegabung? Prozessorientierte Konzepte. Herausgegeben von Herzka, Heinz Stefan, Verlag Pro Juventute, Zürich 1991

      Stamm, Margrit: Frühlesen und Frührechnen als soziale Tatsachen? Leistungen, Interesse und Schulerfolg bei Kindern, die bei Schuleintritt bereits lesen und/oder rechnen konnten. Werkstattbericht III. Institut für Bildungs- und Forschungsfragen im Schulbereich, Aarau 1998

      Webb, James T.: Hochbegabte Kinder, ihre Eltern, ihre Lehrer. Verlag Hans Huber, Bern 1998



      Grüße Enja
    • Hallo Meike,

      ja, es gibt. Gewinner der Wettbewerbe wie Jugend forscht, Fremdsprachenwettbewerb etc. können sich bewerben. Eine Schule kann mehrere Kinder vorschlagen. Eigen-Bewerbungen sind möglich. Und neben den Schulen gibt es auch noch andere Organisationen, die vorschlagen dürfen.

      Es gibt in Hessen drei Ferienakademien in dieser Richtung. Für Kinder von 8- 13 Jahren, für die Sek I die JuAk, für die Oberstufe die Hessische Schülerakademie. Nicht zu verwechseln mit der Deutschen Schülerakademie, die bundesweit operiert.

      Die Zugangsmodalitäten sind jeweils leicht unterschiedlich.

      Es gibt zwischenzeitlich einen ganzen Strauß an reizvollen außerschulischen Fördermöglichkeiten. An der Thomas Morus-Akademie in Bensberg gab es im letzten Jahr eine interessante Tagung zu diesem Thema.

      Grüße Enja
    • Und wegen Punkt 2 und 4, die sicher richtig beobachtet sind und irgendwie auch logisch, wenn man bedenkt, dass Kinder/Jugendliche meist nichts lieber möchten, als "wie alle" sein (auch wenn sie sich gleichzeitig die Haare grün färben um "anders" zu sein) ist es ganz schwer, als Lehrer richtig zu reagieren.
      Punkt 2: "Outet" man das Kind, indem man es binnedifferenzierend extra fordert? Dann hat man ihm genau das angetan, was es nicht möchte: nämlich "anders" sein. Oder lässt man es vor Langeweile einpennen um es dann dem Spott der anderen auszusetzen oder es ermahnen zu müssen? Was ist da das richtige Vorgehen? Oben erwähnter junger Mann wollte keine brillianten Referate halten oder ellenlange Sonderaufgaben abgeben. Er wollte auch keine 15 Punkte und hat z.T. dran gearbeitet, die nicht zu bekommen. Gut, er war schon alt genug, dass er sich seiner Strategien voll bewusst war und mich gebeten hat, mich da nicht "einzumischen". Fand ich nicht so leicht ...
      Und was macht man, wenn das Kind noch kleiner ist?

      Punkt 4: erschwert die "Diagnose" natürlich ungemein. Und wenn man die Schüler dann, neben anderen 250, nur 2 Stunden die Woche hat, wird's vermutlich unmöglich. Und was kann man da tun?

      edit: danke für den Tipp mit der Eigenbewerbung, das geb ich mal weiter. Ja Schulen dürfen mehrere empfehlen, aber ich nur einen :( - allerdings jeweils für die hessische und die bundesweite.
    • Du stellst sozusagen die Frage der Fragen.

      In der Grundschule kann es häufig noch klappen, den Kindern andere Aufgaben zu stellen. Binnendifferenzierung ist hier Alltag, die Kinder sind dran gewöhnt.

      Auf dem Gymnasium besteht genau die Zwickmühle, die du beschreibst. Ich schildere dir mal den Werdegang eines meiner Kinder in dieser Beziehung:

      In der Grundschule optimal gefördert, wurde es mit Bestnoten und bis an die Zähne motiviert umgeschult. Am Gymnasium war dann alles anders. Gleichschritt für alle. Frontalunterricht. Große Klasse. Das Kind drehte sozusagen ab. Es bekam Kopfschmerzen, übergab sich morgens, kritzelte sich im Unterricht Hände, Arme und Sachen voll, was von den Lehrern bald bemängelt wurde. Das war sozusagen der Testanlass. Das Testergebnis führte dazu, dass sich mehrere Lehrer um Förderung bemühen wollten.

      Sie versuchten das im Grunde sehr ambitioniert. Machten sich Gedanken drüber, gingen durchaus unterschiedliche Wege und bemühten sich, diese Möglichkeiten so allgemein anzubieten, dass kein Mobbing ausgelöst werden sollte.

      Teilweise klappte es, teilweise nicht. Das Kind lebte zunächst auf. Die Noten wurden besser. Die Klasse reagierte aber bald darauf trotz großer Anstrengungen mit totaler Ausgrenzung. Dazu kam dann der Lehrerwechsel zur 7. Die neuen Lehrer wollten dem Kind eher zeigen, dass es nur halb so klug sei wie es glaube und dass es keines wegs Extrawürste zu erwarten habe. Die Ausgrenzung blieb. Dem Kind ging es nicht gut. Das war ihm anzusehen.

      Deshalb hatten seine Lehrer nach erneutem Wechsel zur 9. Klasse die Idee, dass man es sozusagen zwangsnivellieren müsse. Man erklärte mir, es werde sich wohler fühlen, wenn es von dem Einser-Zeugnis auf einen Dreier-Schnitt abrutsche. Die Ausgrenzung werde dann aufhören. Da man dem Kind nicht gut befehlen konnte, schlechtere Arbeiten zu schreiben, erklärte man ihm, es solle sich nicht mehr am Unterricht beteiligen.

      Die Sache spitzte sich so weit zu, dass wir eine neue Schule brauchten. Die Klasse reagierte übrigens auf die nun offensichtlich unfaire Behandlung mit allgemeiner Umarmungstaktik.

      In der Oberstufe gilt dann meiner Meinung nach nur noch "Augen zu und durch". Ein guter Abischnitt wird gebraucht. Da kann man auf Empfindlichkeiten der Klassenkameraden nicht unbedingt Rücksicht nehmen.

      Für die Oberstufe hätte ich noch dies im Angebot:

      <!-- m --><a class="postlink" href="http://www.studienkompass.de/die-initiative.html">http://www.studienkompass.de/die-initiative.html</a><!-- m -->

      speziell für das Rhein-Main-Gebiet.

      Aber nun gut. Was tun? Es helfen offenere Lernformen. Freiarbeit. Projektarbeit. Ein leistungsfreundlicheres Klima. Zur Zeit hat mein Kind das in England. Dort bricht es gerade alle Leistungsrekorde. Die Rückkehr wird nicht einfach sein.

      Grüße Enja
    • Schrecklich. Zum Glück waren"meine" Hochbegabten schon erwachsen (und das meine ich jetzt nicht nur auf das Alter bezogen, sondern auf einen sehr selbstbewussten bzw. selbst gesteuerten Umgang mit ihrer besonderen Situation - da hatten sie aber wohl schon einiges hinter sich und waren schlicht "aus dem Gröbsten raus").

      Irgendwie fehlen da wirklich grundlegende machbare Wege im Gymnasium.

      Offenere Lernformen setzen sich, laaaangsam, aber deutlich sichtbar, durch. Und ich höre auch immer seltener den Begriff "Firlefanz", wenn ich sage, dass mein Unterricht zu einem Großteil aus offenen/kommunikativen/kooperativen Formen besteht und die Schüler trotzdem (oder gar: deswegen?!) was lernen. Da hilft, dass die inzwischen in vielen Fächern im Lehrplan festgeschrieben sind. Darauf kann sich dann auch mal ein Fachvorsteher berufen. Und es kommen ja nun auch langsam junge Leherer nach.

      Aufklärung zum Thema tut auch immer noch Not ...

      Ein leistungsfreundliches Klima sehe ich noch nicht wirklich am Horizont. Ich höre Schüler nach wie vor meist nur mit sehr guten Sportnoten "angeben" oder sich öffentlich freuen. Und 15 Punkte in anderen Fächern sind den anderen äußerst verdächtig. Wenn man sieht, wie hart manche um 5 Punkte kämpfen müssen, ist der Neid und die Ablehnung - wenngleich grausam und ungerecht - sogar nachvollziehbar.
      Und DAS ist eigentlich der Faktor, für den ich einfach kein Rezept habe und gerne eines hätte. Oder wenigstens mal einen Ansatz. Wie könnte man überdurchschnittlich und hoch begabte vor diesem Neid schützen, ohne wiederum die zu verletzen und brüskieren, die um jedes Verstehen des Stoffes kämpfen? Schon ein unendlich qualifiziertes und brilliantes Referat kann (und wird) als Affront aufgefasst werden, wenn die Schüler, die noch um das basic vocabulary für die 11 kämpfen, es sich "vorführen lassen müssne" was sie alles nicht können und so auch nie können werden.
      Sie versuchten das im Grunde sehr ambitioniert. Machten sich Gedanken drüber, gingen durchaus unterschiedliche Wege und bemühten sich, diese Möglichkeiten so allgemein anzubieten, dass kein Mobbing ausgelöst werden sollte.
      Teilweise klappte es, teilweise nicht. Das Kind lebte zunächst auf. Die Noten wurden besser. Die Klasse reagierte aber bald darauf trotz großer Anstrengungen mit totaler Ausgrenzung.


      Ich empfinde das als das zentrale Dilemma!

      Im Gspräch mit dem oben erwähnten Jungen habe ich auch nur gehört "das sei halt so" und er "könne die anderen ja sogar vestehen" und "Nein, danke, er wolle kein Projekt leiten / Referat übernehmen", weil er da seine eigenen Ansprüche nicht so runterschrauben könne/wolle, dass die anderen noch was mitbekommen. Was ja - sinnvollerweise - bei einem Referat auch ein Teilkriterium sein muss. Und wenn er das Refereat so halte, dass er es noch als inhaltliche Herausforderung sähe, dann könne er sich die Reaktionen der anderen ausrechnen. :shock:

      Auch traurig, Klausuren zu lesen, in die eindeutig absichtlich Fehler eingebaut worden waren. :?


      In England sehe ich das leistungsfreundliche Klima übrigens auch nicht wirklich. Da habe ich selbst lange (und an diversen Schulen) unterrichtet und immer noch genug Freunde: in der normalen comprehensive school ist das bullying des top set so sehr an der Tagesordnung und so furchtbar, dass die allemeisten Schule eine extra bullying policy samt ständiger Fortbildung dazu haben, in der gerade das Mobbing der Hochleister Thema ist. Und natürlich das der "nerds" und der "geeks" und der ich weiß nicht wie vielen Außenseiter, für die die sogar eigenen Worte haben.
      Anders ist das an vielen Internaten, die sich Leistung auf die Fahnen geschrieben haben. Zum Glück gibt es da einige. Aber nur für die, die es zahlen können.
    • Meine Kinder besuchen in England Privatschulen. Dafür bezahlen wir eine Menge Geld und so manches ist eben auch ohne massive Mittel nicht zu wollen. Sie haben dort zum Beispiel Lerngruppen von 8-10 Schülern, die von je Fach zwei Lehrern unterrichtet werden.

      Der Unterricht ist völlig individuell. Die Hausaufgaben werden für jedes einzelne Kind speziell zusammengestellt. Ein Tutor spricht wöchentlich mit dem Kind, um zu gucken, wo es haken könnte und wo noch nachgearbeitet werden muss. Alle vier Wochen hat das Kind ein vierzigminütiges Einzelgespräch mit jedem Fachlehrer. Alle sechs Wochen gibt es ausführliche Beurteilungen. Ganz selbstverständlich mit einem Absatz, in dem das Kind die Lehrer beurteilt. Die Kinder werden ernst genommen und immer einbezogen.

      Eines meiner Kinder hatte dort zum Beispiel eine Überdosis Mathe bezogen. Acht Wochenstunden. Als einzige Deutsche zwischen 12 zum äußersten entschlossenen Hongkong-Chinesen, wie es sich ausdrückte. Als es zurückkam, hatte es etwa ein Jahr Vorsprung vor dem deutschen Lehrplan. Die schriftlichen Arbeiten schrieb es jeweils fehlerlos und erhielt dafür jeweils 14 Punkte. Mündlich 8. Im Zeugnis 10. So etwas ist grenzenlos demotivierend.

      Beim Elternsprechtag sagte mir der Lehrer, er habe ein Problem mit meinem Kind. Es wisse zu viel und sei zu weit. So verrate es im Unterricht manchmal Dinge, die noch nicht dran gewesen seien und die sich die anderen erst noch erarbeiten sollten. Es bemühe sich zwar, das zu vermeiden, aber habe das nicht immer im Blick. Deshalb nähme er es nicht mehr dran. Sicherheitshalber.

      Für ein Kind ist es in einem solchen Fall sehr schwierig, mehr als körperlich anwesend zu sein. Stunde um Stunde abzusitzen wird zur absoluten Qual. Die 8 Punkte waren dann wegen fehlender mündlicher Beteiligung. Ist es da verwunderlich, wenn die Kinder aufgeben?

      Es ist ja übrigens nicht so, dass es an der Schule nicht auch die Kandidaten für das Abi mit 1,0 gab. Die wurden in ähnlichen Zusammenhängen immer extra erwähnt. Die Lehrer sorgten dafür, dass da auch nichts schiefging. Die anderen Kinder akzeptierten das.

      Begabung löst anderes aus. Da muss immer beschnitten, gebremst, nivelliert werden. Eine Lehrerin erklärte mir mal, solche Kinder würden sonst gefährlich.

      Grüße Enja
    • Ja, an solchen Privatschulen sieht man, dass Geld und Zeit sehr wohl mit Qualität von Schule zusammen hängt. Keine beliebte These bei Bildungspolitikern.
      Ist halt traurig für all die, die sich das nicht leisten können. Und meiner Meinung nach muss es doch ein Konzept geben, in dem alle Kinder in den Genuss von solchen Abläufen kommen.
      Wenn du in Deutrschland von einem Lehrer mit 250 Schülern verlangst, die Hausuafgaben einzeln für jedes Kind zusammenzustellen oder jede Woche 250 Einzelgespräcghe zu führen... na, lassen wir das. Ist ja klar, dass es ohne Geld nicht geht. In England geht's leider auch nur mit dem Geld von Eltern. Die welches haben. Die anderen müssen halt in die Schulen, wo auch 35 Kinder in den Klassen sind und der Lehrer nur tun kann, was er halt tun kann.

      Meine Erfahrung war, dass dort zum Großteil hoch engagierte Kollegen waren - verbeamtet ist da ja eh niemand - aber gegen top-set bullying und dagegen, dass das Alkoholikerkind nur jeden dritten Tag zur Schule kam, konnten sie bei der Schülermenge auch nichts ausrichten.

      Und das grausige Dilemma, dass die Hochleister ein übles Ausgrenzungsproblem haben, blieb auch dort bestehen. Und das zum Teil noch schlimmer WEGEN der Tatsache, dass es kein dreigliedriges Schulsystem gibt und Leistungsverweigerer aus leistungsfeindlichen Familien dort zum Teil massiv gegen diese Schüler vorgegangen sind. Was kann eine Schule da nur tun?
    • Mal zu den Hausaufgaben:

      Das ging zum Beispiel so, dass das Kind eine bestimmte Vokabelzahl pro Woche zugewiesen bekam.

      Bei Aufgaben wie in Mathe ist es auch kein Problem, freizustellen, ob etwa die Kästchen 1-3 oder 3 - 5 aufgegeben werden.

      Es gibt dazu zahlreiche Handreichungen. Wenn es normal ist, dass nicht jeder das gleiche macht, gibt es auch kein Mobbing. Bis ins Detail kann ich das natürlich hier kaum schildern. Würde zu umfangreich.

      Viele Hochbegabte laufen ja auch ziemlich problemlos mit. Wann das nicht mehr so ist, sondern Handlungsbedarf besteht, hat Prof. Rost, der in Hessen für solche Fragen zuständig ist, hier definiert:

      <!-- m --><a class="postlink" href="http://grundschule.bildung.hessen.de/Paedagogik/Begabung/lehrerfort_begabung">http://grundschule.bildung.hessen.de/Pa ... t_begabung</a><!-- m -->

      Hier finden sich auch weitere interessante Texte:

      <!-- m --><a class="postlink" href="http://grundschule.bildung.hessen.de/Paedagogik/Begabung/">http://grundschule.bildung.hessen.de/Pa ... /Begabung/</a><!-- m -->

      Durch die Grundschule in der URL darf man sich nicht verwirren lassen. Mit den Grundschulen hat die Sammlung mal angefangen....

      Das Kultusministerium handelt in diesem Fall sicher auch aus dem Grund, dass die Jugendhilfemaßnahmen für all die leidgeprüften hoch begabten Schüler zu teuer wurden. Der Ansatz sieht im Grunde vor, dass jedes Kind wohnortnah eine Schule finden sollte, die ihm gerecht wird. Andere Bundesländer gehen andere Wege. Wie etwa Rheinland-Pfalz mit seinen zentralen Internaten für Hochbegabte.

      Grüße Enja
    • Re: Mythen und Fakten

      mit besonderen Fähigkeiten [...] mit hohen Fähigkeiten [...] mit hohen intellektuellen Fähigkeiten [...] sehr fähige Kinder


      Der Begriff "Hochbegabung" - im Sinne einer psycholgischen Leistungsmessung - wird in dem Buchzitat nach allen Regeln der Kunst vermieden.

      Da stellt sich ja schon die Frage, ob die Lehrer neben ihren schulsichen Beobachtungen und Leistungsmessungen auf die Einschätzung von Psychologen viel geben sollten.


      - Martin
      Chemie ist wenn es kracht und stinkt, Physik ist wenn es nicht gelingt.