Von der Förderschule bis zum Abitur - ein Ding der (Un-) Möglichkeit?

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    • Von der Förderschule bis zum Abitur - ein Ding der (Un-) Möglichkeit?

      Hallo liebe Forenmitglieder,

      Ich bin 1998 an einer normalen Grundschule eingeschult worden. Dort zeigte sich mit der Zeit, dass ich wohl etwas langsamer bin in meinem gesamten Lerntempo, aber in Mahe ganz besonders. Um dem zu begegnen habe ich Extrastunden mit einer Sonderpädagogin bekommen. Dort wurde dann mit mir eben intensiv Mathematik geübt aber auch Sprache, lesen, etc. (heute bekannt als das Fach Deutsch-oder bezeichnet man in der Grundschule das Fach Deutsch als Lesen, Schreiben ?...Ich weiß es nicht). Jedenfalls wurde gesagt, als sich die 4.Klasse dem Ende neigte, dass meine Leistungen nicht den Anforderungen einer Hauptschule bzw. Realschule ( vom Gymnasium ganz zu schweigen) gerecht würden.

      Somit kam ich auf eine Förderschule mit dem Förderschwerpunkt "körperliche und motorische Entwicklung". Entgegen dem genannten Förderschwerpunkt wurden auch dort Schüler mit einer sog. "Lernbehinderung" (LB, ich kürze es der Einfachheit halber mal ab) und "geistigen Behinderung" (GB) unterrichtet. Allerdings waren die Klassen "durchmischt", so dass Schüler mit einer LB bzw. GB und Schüler mit körperlichen Einschränkungen gemeinsam unterrichtet wurden. Ich wurde wohl nach dem Förderschwerpunkt "Lernen" unterrichtet. Zumindest stand das immer in meinen Zeugnissen.) Der Fokus lag in der 5. und 6. Klasse sehr, sehr stark auf den sozialen Kompetenzen also richtig zu essen, Messer und Gabel richtig zu halten, Ordnung, Sauberkeit, Pünktlichkeit, etc. Wirklich "Unterricht" gemacht wurde kaum. Ich persönlich habe mich zu dem Zeitpunkt eigentlich wohl gefühlt, jedoch hatte ich ganz tief in mir drin, wahrscheinlich in meinem Unterbewusstsein, das Gefühl das mir etwas fehlte...Ich hatte manchmal den Eindruck als ob ich meinen Klassenkameraden durch eine Glasscheibe zusehen würde...das ist sehr schwer zu beschreiben...ich hoffe ihr wisst was ich meine...ich habe zwar alle akzeptiert und ich glaube umgekehrt war es genauso...jedoch fühlte ich mich in meinem tiefsten inneren dort fehl am Platze. Wirkliche Freunde hatte ich in der 5. bzw. 6. Klasse keine. Auf den schulischen Aspekt bezogen war ich (abgesehen evtl. von Mathe) mit an ziemlicher Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit der Klassenbeste.

      Da dies auch meinen Eltern nicht verborgen bleib kämpften sie darum, dass ich in eine Klasse kam in welcher die Schüler auf einem besseren Leistungsstand waren. Es gab an der Schule die Klassen A,B und C. In Klasse A waren die Kinder die am "stärksten" waren hinsichtlich ihrer schulischen Leistung. In Klasse B ( in der ich war) die mittleren und in Klasse C die schwächsten. Das Wort Kämpfen benutze ich deshalb weil es in gewisser Hinsicht ein Kampf war, da meine Lehrer sich erst weigerten mich in die stärkere Klasse gehen zu lassen. Letztendlich bin ich zum Glück doch dort reingekommen und blieb dort (also bis zur 10 Klasse) bis zu meinem Abschluss im Jahr 2010. Zwar hatte man dort (so sagte man es meinen Eltern) die Möglichkeit den Hauptschulabschluss nach Klasse 10 zu erwerben, jedoch habe ich die Schule mit dem "Abschluss im Bildungsgang des Förderschwerpunkts Lernen nach Klasse 10" verlassen.

      Danach kam ich (wie wohl alle) in eine Berufsvorbereitungsmaßnahme und habe danach im Jahr 2011 eine geförderte Berufsausbildung zur Fachkraft für Lagerlogistik begonnen die ich 2014 (mit offizieller IHK-Prüfung) erfolgreich abgeschlossen habe und somit den Hauptschulabschluss nach Klasse 10 erworben habe.
      Aufgrund meiner Erfahrungen, während der Ausbildung, die alles andere als schön waren, habe ich danach an einer Volkshochschule Anfang 2016 schließlich den Mittleren Schulabschluss (FOR) nachgeholt und bin danach an ein Weiterbildungskolleg in NRW gegangen um dort das Abitur nachzuholen, welches ich auch im Winter 2018 erfolgreich geschafft habe.

      Mittlerweile studiere ich an einer Uni einen Studiengang der sich auch genau mit diesen Themen (Chancengleichheit im Bildungssystem, "Stigmatisierung", etc.) befasst.

      Warum ich hier über dieses Thema schreibe? Ganz einfach: Weil ich am eigenen Leib erfahren habe, dass nichts schlimmer ist, als jemanden vorzuverurteilen oder jemandem Chancen vorzuenthalten. Weil man nie, NIE!! wissen kann wie weit sich ein Mensch im Laufe seines Lebens noch entwickelt. In meinen Zeugnissen der Förderschule stand "er hatte Probleme mit stereotypen Handlungen" Na und ?? Wenn ich überlege oder aufgeregt bin, zwirbel ich mir nunmal in den Haaren rum. Oder dort stand " Er besitzt in den Eigenschaften wie Flexibilität, Selbständiges Handeln, Eigeninitiative weiterhin großes Förderpotenzial". Und natürlich war ein elendiges Thema immer wieder meine schüchterne, zurückhaltende Art, ich sei zu ruhig und solle mich mehr melden. Da frage ich mich doch: Wenn ich tatsächlich so ruhig bin und ein so großes Förderbedürfnis in Sachen wie Selbstständigkeit und Eigeninitiative habe ( oder besser hatte), wie konnte ich dann den Mittleren Schulabschluss bekommen und danach erfolgreich eine Abiturprüfung ablegen die den höchsten schulischen Bildungsabschluss in Deutschland verleiht?...Fast alle meiner Mitstudierenden ( so nennt man die Mitschüler am Weiterbildungskolleg) und auch viele Lehrer wollten mir nicht glauben, dass ich als Regelschule eine Förderschule besucht habe... Was läuft hier bitteschön falsch in unserem Bildungssystem?

      Ich bin dankbar, dass ich so weit gekommen bin. Ich bin aber auch traurig und ein bisschen wütend, dass man immer alle (oder die meisten), die von solchen Schulformen kommen, erst stigmatisieren muss und diese sich aus eigener Kraft befreien und "hochkämpfen" müssen...Meiner Ansicht nach wurden damals bei mir viele Fehler von Seiten der Lehrer gemacht, denn wenn man schon in jungen Jahren spürt (und wenn auch nur im Unterbewusstsein), dass man das Zeug zu etwas hat, aber man keine Unterstützung erfährt und später dann seine Ziele, entgegen aller Behauptungen oder Prognosen, erreicht ist das schon sehr frustrierend...man fühlt sich nicht ernstgenommen...ja...eigentlich sogar verraten.

      Mich würde wirklich interessieren wie ihr darüber denkt, insbesondere über meine persönliche Lebensgeschichte aber auch natürlich über das Bildungssystem grundsätzlich.

      Ich bin gespannt auf eure Antworten, Meinungen und Argumente. Ob positiv oder negativ - für alles bin ich dankbar. Denn davon lebt ja gerade eine Diskussion...Und das macht es doch gerade so interessant.