Hochbegabte in der Schule

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    • Hochbegabte in der Schule

      Hallo,

      eine immer mal wieder heiß diskutierte Frage würde ich gerne mal hier stellen.

      Sind Hochbegabte generell nur auf dem Gymnasium aufgehoben? Haben sie auch dann Anspruch auf Versetzung, wenn sie die entsprechenden Leistungen nicht erbringen? Müssen sie auch dann dort bleiben, wenn hierdurch das schulische endgültige Aus droht?

      Grüße Enja
    • Das Leben besteht nicht nur aus Schule.
      Ich kann einen hochbegabten Jugendlichen doch nicht nur aus Schule und Begabung definieren.
      Es geht ihm nicht automatisch gut, nur weil er schulisch genug gefordert wird.
      Wo bleibt das Leben?

      Ich würde immer der Schule den Vorzug geben, auf der ein Kind sich wohlfühlt. Egal zu welchem Abschluß sie führt.
      Wenn das Kind wirklich begabt ist, dann kann es danach weiter zur Schule gehen.
      Einen guten Abschluß bekommt man nicht nur auf dem direkten Weg auf dem Gymnasium.

      Mein ehemaliger Klassenlehrer sagte mir mal im Gespräch (in der Hoffnung er könne wenigstens meinen Jüngsten auf dem Gym unterrichten): Es kommt nicht nur auf die Begabung an, der Wille ist entscheidend, die Arbeitseinstellung muss stimmen, die Begabung alleine reicht auf dem Gym nicht.

      LG
      Bärbel
    • Hallo,

      ich finde es schade, wenn diese Diskussion nur wegen Angst vor "Oel ins Feuer" nicht geführt wird.

      Ich habe selber einen hochbegabten Sohn und stelle mir diese Frage immer wieder. Mein Kind fühlt sich auf der Schule, wo er jetzt ist, nach eigenen Aussagen wohl. Er hat Freunde in der Klasse und ist gut integriert. Er mag auch einige Lehrer ausgesprochen gut und wäre sicher sehr traurig, wenn er sie nicht mehr sehen würde. Im Sinne von "never change a running system" bleibt er im Moment auf jeden Fall, wo er ist.

      Was aber ein Problem darstellt, ist die grosse zeitliche Belastung, unter G8 noch verschärft. Ich kann mir vorstellen, dass ein hochbegabtes Kind, das sehr viele Hobbys hat, auch auf der Realschule glücklich sein kann, weil er dort einfach mehr Zeit hat, sich zu entfalten. Auf der Realschule, die seine Freunde aus der GS besuchen, herrscht zB. ein viel regeres AG-Leben, weil die Schüler einfach mehr Zeit haben, um in Projekte zu investieren.

      Er selber wollte nie auf die RS gehen, weil er vor den Realschülern Angst hat. Er hat ein paar heftige Ereignisse auf dem Schulweg gehabt. Er ist manchmal etwas merkwürdig, passt sich Modeströmungen nicht an, ist schon fast militanter Rauch- und Alkohol- Gegner, (was wir natürlich sehr unterstützen). Aber er hat offensichtlich mit diesen Einstellungen mehr Mühe unter Realschülern Akzeptanz zu finden, als auf dem Gymnasium.


      Ich persönlich finde, man sollte Kindern, die ein hohes Potential haben, die Chance auf einem Gymnasium geben. Es kann wirklich sein, dass sie aufblühen durch die zusätzlichen Fächer und auch durch die vielen verschiedenen Lehrerpersönlichkeiten, die sie kennen lernen.

      Aber ich finde, wenn es leistungsmässig nicht geht, sollte man nichts erzwingen. Lernen müssen Hochbegabte genau so. Das hohe Potential hilft nicht einen intelligenten französischen Aufsatz zu schreiben, wenn die Vokabeln nicht sitzen und die Verben nicht konjugiert werden können.

      Einen Anspruch auf den Verbleib am Gymnasium oder in der Klasse auf Grund einer Hochbegabung kann ich nicht unterstützen.

      lg,

      füchsle
    • "Er selber wollte nie auf die RS gehen, weil er vor den Realschülern Angst hat. Er hat ein paar heftige Ereignisse auf dem Schulweg gehabt. Er ist manchmal etwas merkwürdig, passt sich Modeströmungen nicht an, ist schon fast militanter Rauch- und Alkohol- Gegner, (was wir natürlich sehr unterstützen). Aber er hat offensichtlich mit diesen Einstellungen mehr Mühe unter Realschülern Akzeptanz zu finden, als auf dem Gymnasium."

      Ich kann mit zwei ähnlich gestrickten Exemplaren dienen.

      Und als "zusätzliche Unterstützung" für hb-Kinder, die wirkliche Probleme im System haben, gibt es ja, wie ich gerade als Erfahrung mache, die Unterstützung durch "sonderpädagogischen Förderbedarf" ;)

      Nica
    • Hallo an alle,

      oute mich hier mal als Realschülerin. Und hb. Und das war meinen Eltern bekannt, als ich auf die Realschule wechselte. Bei uns war der Grund Realschule statt Gymnasium eher der finanzielle Hintergrund. Meine Mutter ging Anfang der 50er Jahre als einziges Mädchen ihres Dorfes auf's Gymnasium, die Eltern waren bitterarme Bauern, die sich sowohl das Schulgeld, das damals noch gezahlt werden musste, als auch die Bücherkosten vom Mund abgespart hatten. Meine Mutter hatte sehr darunter gelitten, dass sie "das arme Mädel vom Dorf" war, außerdem ein ständig schlechtes Gewissen, weil ihre Eltern soviel Geld für ihre Schulbildung aufbrachten. Als bei mir der Wechsel anstand, war unsere finanzielle Situation auch nicht gerade rosig, mein Vater war an Krebs erkrankt, ein Haus musste abgezahlt werden und niemand wusste, wie es weiter geht. Also besuchte ich trotz Gymnasialempfehlung die Realschule.

      Was soll ich sagen? Natürlich wurde ich da nicht übermäßig gefordert. Alles in allem muss ich sogar sagen, dass ich in der Schule sehr wenig gelernt habe. Mit allerminimalstem Aufwand (Hausaufgaben machen, sonst nix) habe ich einen 2er Abschluss gemacht. ABER - nebenbei hatte ich Zeit, Klarinette und Klavier zu lernen, in zwei Orchestern zu spielen, stundenlang meiner Lieblingsbeschäftigung Lesen nachzugehen, auf der Straße zu spielen, einfach Zeit zu vertrödeln und meinen Gedanken nachzuhängen.

      Und die Realschule ist auch heute nicht das Ende. Ich habe danach die Höhere Handelsschule besucht, eine qualifizierte Ausbildung als Jahrgangsbeste abgeschlossen und bin dadurch in ein Förderprogramm meines Arbeitgebers gekommen. Vorgesehen war, dass ich auf der Karriereleiter hochklettere, bis ich da angelangt bin, wo ich hinwollte. Dass ich das überhaupt nicht wollte, ist mir relativ schnell klar geworden, ich habe mit Mitte 20 die Reißleine gezogen, 2 tolle Kinder bekommen, arbeite jetzt halbtags und bin glücklich und zufrieden.

      Was mich bei den ganzen Hochbegabtendiskussionen immer wundert ist die Annahme, dass Hochbegabte automatisch ständig von außen gefordert und gefördert werden wollen. Ich wollte und will nur meine Freiräume, das zu machen, was mich interessiert. Und wenn ich mich mit einer neuen Idee des Sauerteig-Führens beschäftige, mag das manchem profan erscheinen, für mich ist das in dem Moment einfach - nach meiner Familie - das Wichtigste auf der Welt. Wenn jetzt jemand käme und meinte, ich müsste ein gaaaaaaanz tolles anderes Rätsel lösen, würde ich ziemlich aggressiv.

      LG Melanie
    • ...nicht automatisch gefördert, aber spätestens dann, wenn sie wirkliche Probleme haben...

      Unser Kind wird 'emotional' gefördert, nicht etwa in schulischer Hinsicht (Enrichment o.ä.) Es wird aber für ihn ein zusätzliches Angebot geben, diese Defizite in einer Gruppe aufzuarbeiten. Die Gruppe wird einen "normalen Anstrich" haben, wird von einem Sonderpädagogen geleitet, für die anderen Kinder der Gruppe wird es ein "Gruppenangebot" sein, ohne dass jemand wüsste oder erführe, dass sie speziell für ein Kind eingerichtet wird.

      Der begabteste Mensch, den ich persönlich kenne, hat keinen Schulabschluss... - aber ungeheuer viel Energie und Überzeugungskraft, charismatisch geradezu. Er hat eine Weltfirma aufgebaut, mit Talent, Glück, vor allem aber Leidenschaft.
      Als Unternehmer nun vielfach ausgezeichnet...

      Mir ist diese Geschichte tägliche Inspiration, dennoch nahezu einzigartig...- nicht zu verallgemeinern. Aber sie macht Mut.



      Nica
    • Hallo Melanie,

      danke für deine Geschichte. Du hast sehr schön beschrieben, was mir eben auch durch den Kopf geht im Zusammenhang mit der "Zeit zum Entfalten".

      "Melanie" schrieb:

      Was mich bei den ganzen Hochbegabtendiskussionen immer wundert ist die Annahme, dass Hochbegabte automatisch ständig von außen gefordert und gefördert werden wollen.


      Ich finde von "wollen" kann man nicht unbedingt reden. Es ist eher so, dass hochbegabte eben schon heftig an Unterforderung leiden können. Das war bei dir offenbar nicht der Fall, du konntest deine Freiräume positiv nutzen.

      Wir haben in der GS Zeiten gehabt, wo niemand wusste, was mit ihm los ist. Er kam mit verwildertem Blick von der Schule nach Hause, hatte vieles nachzuarbeiten, weil er nicht fertig wurde, hat "getict", Übelkeit am Morgen, sich von der Lehrerin abgelehnt gefühlt, zurückgezogen, gemeint mit seinem Kopf stimme was nicht.......die ganze Palette. Je mehr ich auf die Ratschläge der Lehrerin gehört habe, desto schlimmer wurde es.

      Wir haben in allen möglichen Ecken gesucht. Erst durch das Akzeptieren, dass er jetzt eben so ist, haben sich die ganz akuten Symptome gelegt.

      Aus dieser Situation heraus, hat mir die Realschule (bzw. die Hauptschule, wie es sein KL eigentlich empfohlen hat) schon sehr viel Angst gemacht. Wir hatten auch strube Zeiten am Gymi, aber er hat nie mehr geäussert, dass er besser nicht leben würde.


      lg,

      füchsle
    • Hallo Füchsle,


      Erst durch das Akzeptieren, dass er jetzt eben so ist, haben sich die ganz akuten Symptome gelegt.

      hat sich durch das Akzeptieren die Unterforderung gelegt? Oder bist du eher der Meinung, dass ein Akzeptieren an einer Haupt- oder Realschule nicht möglich ist? Ist wirklich die Unterforderung das große Problem oder doch eher die Nicht-Akzeptanz? Ich könnte mir auch noch vorstellen, dass er durch die Akzeptanz endlich Freiräume fand, die er nutzen konnte.

      LG Melanie
    • "Akzeptanz" heißt (für mich), anzuerkennen, dass bei diesem Kind eine besondere Begabung vorliegt - vielleicht auch obwohl das Kind kein "Hochleister" (Einserproduzent) ist.

      Schlimm finde ich, dem Kind gegenüber, teils auch den Mitschülern gegenüber und auch innerhalb des Kollegiums öffentlich die Begabung des Kindes abzustreiten, das Kind versuchen bloßzustellen - teils bewusst alles zu tun, dem Kind nachzuweisen, dass eben KEINE besondere Begabung vorliegt.

      Genau das ist z.B. beiden Kindern einer Familie passiert, mit denen ich gerade erst zu tun hatte. Eines der Kinder wechselte daraufhin schon vor 1 Jahr auf ein Internat. Das Geschwisterkind hatte zunächst den Mut, es weiterhin auf dem Gym. (im HB-Verbund bei uns...) zu versuchen, machte nun gleiche Erfahrungen...

      Beim letzten Gespräch mit Schule (gemeinsam mit Ärztin und Jugendamt) war ich anwesend. SL schreckte nicht mal davor zurück, den Eltern zu unterstellen, das Begabungsgutachten gekauft zu haben (in Gegenwart des Kindes).
      Aus den Klassenarbeiten ergibt sich, dass die Lehrer offenbar bewusst die Noten des Kindes nach unten gedrückt haben, um dem Kind zu "beweisen", dass keine besondere Begabung vorliegt. Den Eltern fehlt die Kraft, dagegen widerspruch einzulegen (einer der Eltern ist final erkrankt).

      Das Geschwisterkind gewann vor zwei Jahren in einem Mathewettbewerb! Aber bekam in diesem Fach an diesem Gym. als Jahresendzensur eine "6" !!!

      In diesem aktuellen Fall war die Nicht-Akzeptanz des Kindes am Gym. jedenfalls so klar und eindeutig, dass nun das JA auch das Internat für dieses Kind finanziert.

      Nica
    • "Melanie" schrieb:

      Ist wirklich die Unterforderung das große Problem oder doch eher die Nicht-Akzeptanz? Ich könnte mir auch noch vorstellen, dass er durch die Akzeptanz endlich Freiräume fand, die er nutzen konnte.


      Ich weiss es nicht. Vermutlich beides.

      Ich hatte mich durch die Probleme in den ersten beiden Schuljahren viel zu sehr von der KL beeinflussen lassen. Sie fand, er müsste einfach richtig erzogen werden, Sportvereine besuchen und ich dürfe nicht so viel Kopflastiges mit ihm machen. Somit habe ich ihm das Wenige, was ihm wirklich Spass gemacht hat, auch noch weggenommen.

      Durch die Beratung der Schulpsychologin wurde ich ermutigt, wieder auf mein Gefühl zu hören und halt wieder mit ihm Museumsbesuche, Französischkurs, anspruchsvollere PC Spiele etc. zu machen. Auch zum Sport haben wir ihn nicht mehr gezwungen.

      Mit der Entscheidung der weiterführenden Schule hatte das nur insofern zu tun, dass mir diese Zeit sehr viel Angst gemacht hat.



      lg,

      füchsle
    • Nica schrieb:
      "Akzeptanz" heißt (für mich), anzuerkennen, dass bei diesem Kind eine besondere Begabung vorliegt - vielleicht auch obwohl das Kind kein "Hochleister" (Einserproduzent) ist.


      Also. ich muss sagen, dass ich "dein" ganze Gerede von Hochbegabung langsam nicht mehr hören kann.
      Wenn es danach geht, haben einige Menschen in unserer geschützten Werkstatt auch eine hb, nämlich sie können irgend etwas gut; vielleicht rote und weiße Wattebäusche zu sortieren.
      Für mich und ich denke auch für viele Menschen in diesem Land ist Hochbegabung eben etwas, mit dem die ( vielleicht auch zukänftige ) Führungsriege in Medizin, Forschung, Wirtschaft, Politik etc. Probleme der Zukunft im Sinne der Menschen löst.
      Dafür haben wir auch in Sachsen eine, wie ich finde, sehr gute Schule für Hochbegabte und zwar diese:
      <!-- m --><a class="postlink" href="http://www.sankt-afra.de/">http://www.sankt-afra.de/</a><!-- m -->
      Diese ist aber eben auch nur für diese Schüler gedacht, die auch in sozialen und zwischenmenschlichen Dingen ihren Mann oder ihre Frau stehen können.
      Ich meine, es tut mir schon leid, wenn deine Söhne trotz hohem IQ und viel Engagement solche großen Probleme haben. Aber dadurch sind sie in ihrer Leistungsfähigkeit eben doch stark eingeschränkt.
      Ich meine , das kann keine Forschungseinrichtung leisten: für einen möglichen Kandidaten in ihrer Forschungsgruppe Bedingungen wie in einer geschützten Werkstatt schaffen und dann ist er womöglich nicht inspiriert oder leidet gerade an irgendetwas ......
      Da ziehen dann aber die anderen Länder ( Indien, .. ) ohne sich auch nur umzudrehen vorbei!
      Vielleicht kennst du den Film "Rain Man" mit Dustin Hoffman. Falls nicht, dann lies mal hier:
      <!-- m --><a class="postlink" href="http://www.ciao.de/Rain_Man__Test_3013349">http://www.ciao.de/Rain_Man__Test_3013349</a><!-- m -->
      Dieser Autist Ray ist dann ja eigentlich auch hb. Nur leider kann er damit so gar nichts anfangen in seinem Leben. ( Und ist trotzdem nicht minder symphatisch!!! )
      Was ich dir damit sagen will: poch ja nicht zu sehr auf eurem
      STATUSSYMBOL HOCHBEGABUNG.
      Deine Jungs haben Probleme!
      Viele Probleme!
      Ob sie lösbar und beherschbar sind, wird die Zeit zeigen.
      Ob mit oder ohne hohem IQ!
      martinasabine
    • füchsle schrieb:
      Durch die Beratung der Schulpsychologin wurde ich ermutigt, wieder auf mein Gefühl zu hören und halt wieder mit ihm Museumsbesuche, Französischkurs, anspruchsvollere PC Spiele etc. zu machen. Auch zum Sport haben wir ihn nicht mehr gezwungen.


      Gute Schupsy und gute Eltern, die die Anregungen umgesetzt haben. :wink:

      Diese HB Testerei kann ein Segen sein oder ein Fluch. Und mein Gefühl ist, dass man sehr aufpassen sollte, seinen Blick auf das Kind in allen Facetten, nicht zu verlieren. Kognitive Fähigkeiten sind nur ein Teil einer Persönlichkeit.

      parents