Zeugnis beurteilt nicht die Person

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    • Zeugnis beurteilt nicht die Person

      In letzter Zeit tauchten immer wieder Diskussionen auf, in der über das Gefühl der Herabsetzung bei Schülern durch schlechten Zeugnissennoten hervorruft.

      Auf Focus-Schule hat sich nun Oliver Dickhäuser, Professor für pädagogische Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg zu diesem Thema geäußert und appelliert an die Eltern und Schüler die Noten nicht über zu bewerten.

      Den Artikel findet ihr unter:
      <!-- m --><a class="postlink" href="http://focus.msn.de/wissen/schule/schulpsychologie_nid_32617.html">http://focus.msn.de/wissen/schule/schul ... 32617.html</a><!-- m -->
    • Re: Zeugnis beurteilt nicht die Person

      "Stefan" schrieb:

      Auf Focus-Schule hat sich nun Oliver Dickhäuser, Professor für pädagogische Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg zu diesem Thema geäußert...


      Der Lehrstuhl Dickhäuser scheint ein Zeugnis-Pressemeldungs-Abo bei der dpa zu haben. Ein Freund von mir arbeitet dort als wiss.Assistent und musste letztes Jahr, am letzten Schultag ("Zeugnisausgabetag"), etwa das Gleiche sagen... :roll:

      LG, das_kaddl.
      [img]http&#58;//foto&#46;arcor-online&#46;net/palb/alben/08/4410508/400_3333653337656163&#46;jpg[/img]
    • @Stefan

      Hallo Stefan,

      du willst wissen, was eine dienstliche Beurteilung ist?

      Als Nichtlehrer, aber Beamter kann ich es Dir erklären, zumindest für unseren Verwaltungsbereich. Ich denke, dass es bei den Lehrern nicht viel anders ist.

      Wenn besondere Ereignisse anstehen, z.B. Wegfall von z.A, Lebenszeitverbeamtung, Beförderung, muss der Vorgesetzte, bei Lehrern der Rektor, den Beamten beurteilen - also benoten.

      Bei uns im Verwaltungsbereich gibt es so richtige Formblätter, die bestimmte Kriterien abfragen. In unserem Bereich gibt es 3-4 Hauptkriterien und ca. 15 Nebenkriterien.

      Bei den Hauptkriterien gibt es die Buchstaben A-E.

      Je nach Bewertung ergibt es sich dann, ob man eben sein Ziel erreicht, oder, was noch nicht oft vorgekommen ist, als Anfänger nach schlechter Bewertung sogar als Beamter entlassen werden kann.

      Bei Lehrern werden auch, soweit ich weiß (für RLP), die angestellten Lehrer beurteilt.

      Ich habe auch mal nachgesehen, tatsächlich habe ich die Beurteilungsrichtlinien für Lehrer in RLP im Netz gefunden.

      <!-- m --><a class="postlink" href="http://leb.bildung-rp.de/start/gesetze-vorschriften/verwaltungsvorschriften.html">http://leb.bildung-rp.de/start/gesetze- ... iften.html</a><!-- m -->

      Man muss unter dienstliche Beurteilung nachsehen.

      Ich finde übrigens die Art, wie die Beurteilung für die Lehrer vorgesehen ist, sehr gut, denn der Beurteiler muss begründen, warum er so und nicht anders einschätzt.

      Früher gab es in unserem Bereich Regelbeurteilung, d.h. alle paar Jahre mussten alle beurteilt werden. Man hat dies wegen dem enormen Aufwand in Anlassbeurteilungen umgewandelt.

      Wer sich also nach der Lebenszeitverbeamtung nicht mehr befördern lassen will, kann bis ans Lebensende ohne Beurteilung auskommen.

      Lehrer bzw. Beamte allgemein werden also sehr wohl auch unter die Lupe genommen.

      Doris
    • Irgendwie scheint mir der Artikel des Professors etwas oberflächlich geraten zu sein. Sein PR-Berater sollte sich beim Schreiben mehr Mühe geben. ;)

      In NRW wird das Zeugnis gerade um "Kopfnoten" angereichert, etwa für das Verhalten im Unterricht. Da wird m.E. sehr wohl die "Persönlichkeit" benotet.

      Bei Töchterchen (3. Kl.) hat die Klassenlehrerin ganze Arbeit geleistet ("Die Noten zeigen euch nur, wo ihr mehr oder weniger üben solltet"). Ich erfahre nie, ob sie nun gerade einen Test oder eine Klassenarbeit geschrieben haben. Und Töchterchen übt bis heute nicht. :)

      Aber sicherheitshalber teile ich ihr zu vielen Noten noch meine differenzierte Sicht mit. Schon damit sie nicht glaubt, die Lehrer seien unfehlbar.


      - Martin
      Chemie ist wenn es kracht und stinkt, Physik ist wenn es nicht gelingt.
    • @Doris: Danke für die Infos.

      Also werden dienstliche Beurteilungen wohl nicht von Schülern vorgenommen, sondern von Vorgsetzten?

      Dann meinte oh-ein-papa anfangs wohl eher Evaluation (korrigiert mich bitte, wenn ich hier den falschen Begriff nutze ;) ), oder?

      Die Schüler sagen den Lehrern doch auch nicht, dass deren Dienstliche Beurteilungen nichts über die Wertschätzung ihre Person aussagen, sondern nur, dass manche für den Schuldienst weniger geeignet sind als sie glauben

      Aber auch das sagen Zeugnisse nicht aus. Zeugnisse (zugegeben die Abschlusszeugnisse ausgenommen) sollen doch nur aufzeigen, wo der Schüler Defizite besitzt und wo er noch an sich arbeiten muss.
      Genau das gleiche wäre doch das Ergebnis einer Evaluation. Dem Lehrer sollte nicht aufgezeigt werden, dass er nicht geeignet ist, sondern wo er sich und seinen Unterricht verbessern kann.

      Die Ansicht "für den Schuldienst weniger geeignet" ist ja genau das, was in dem Artikel (übertragen auf die Schüler) angeprangert wird. Das Zeugnis sagt nicht aus, dass der Schüler nicht geeignet ist (Abschlusszeugnisse wieder ausgenommen), sondern zeigt die Lernfelder auf.

      So sehe ich das.

      Stefan
    • Ein Beispiel aus der Praxis, das ich selbst erlebt habe.

      Ich habe einem Schüler im Fach Musik Klasse 10 "nur" eine 3 gegeben, weil er im Unterricht eben nicht kontinuierlich mitgemacht hat.

      Daraufhin wollte der Vater ein Gespräch, in dem er mir mitteilte, dass ich damit ja seinem Sohn seine Qualifikation als Musiker absprechen würde (der Junge spielt angeblich hervorragend Klavier und hat an "Jugend musiziert" teilgenommen).

      Ich sagte ihm daraufhin, dass ich nur die Leistungen im Unterricht bewerte und mir eine Aussage über die Qualitäten seines Sohnes als Musiker gar nicht erlaubt habe - nicht zuletzt, weil ich sie ja auch nicht vollständig treffen kann.

      Ich habe dem Vater außerdem noch gesagt, dass die Schule keine "Sanktions- bzw. Honorierungsinstanz" sei, die außerschulisch erbrachte Leistungen zu benoten habe. (Abgesehen davon sagen die RL Musik eindeutig, dass außerschulisch erworbene Kenntnisse bzw. Leistungen nur dann in die Note einfließen dürfen, wenn sie im Unterricht entsprechend zum tragen kommen).

      Leider haben weder der Vater noch der Sohn diese Zusammenhänge verstehen wollen. Ich habe mich im Nachhinein gefragt, was ich denn dem Sohn aus der Sicht des Vaters hätte geben müssen...

      Gruß
      Bolzbold
      Wer als Ar*** geboren wurde, der konnte doch nur Lehrer werden. ;)

      Ach ja: Wer in diesem Statement die Ironie findet, darf sie behalten. ;)
    • "oh-ein-papa" schrieb:

      Aber ich finde, Du solltest in Deiner Klasse keine Schüler haben die "angeblich hervorragend" Klavier spielen.
      Du solltest Dich vergewissert haben.

      Das sehe ich aber anders. Wenn Klavierspielen nicht thematisiert wurde, dann wird es auch nicht benotet.
      Anderes lässt sich auch nicht bewerten. Wie willst du das denn überprüfen. Nicht jede Schule hat bspw. einen Dudelsack.

      Oder noch besser: Sport
      Ein Kind ist hervorragend im Schwimmen, ein anderes ein talentierter Bodenturner, ein drittes ein Ass im Paraglyden, ein viertes kann hervorragend Steilwand klettern, nicht zu vergessen Surfen, tauchen, Kamelreiten ...
      Solche Dinge kann man nicht immer und überall überprüfen.

      Daher werden die thematisierten Dinge bewertet.

      Stefan
    • "Stefan" schrieb:

      Das sehe ich aber anders. Wenn Klavierspielen nicht thematisiert wurde, dann wird es auch nicht benotet.
      Anderes lässt sich auch nicht bewerten. Wie willst du das denn überprüfen. Nicht jede Schule hat bspw. einen Dudelsack.


      Ich sage ja nicht, dass es benotet werden muss, es gehört für mich zur "Würdigung der Person".
      Daher braucht man auch keinen wasserdichten Beweis, so denn der Aufwand dafür hoch ist.
      Ein Dudelsack ist jetzt ein schlechtes Beispiel, den kann man mitbringen lassen. :)


      - Martin
      Chemie ist wenn es kracht und stinkt, Physik ist wenn es nicht gelingt.
    • "oh-ein-papa" schrieb:

      Hi Bolzbold,

      In der Sache magst Du ja Recht haben.
      Aber ich finde, Du solltest in Deiner Klasse keine Schüler haben die "angeblich hervorragend" Klavier spielen.
      Du solltest Dich vergewissert haben.


      - Martin


      Sollte ich das? Im Rahmen der Notengebung spielte das keine Rolle. Ferner stellt sich die Frage, ob ich als Musiklehrer die musikalisch-künstlerischen Fähigkeiten eines 16jährigen adäquat einschätzen kann - insbesondere im instrumentalen Bereich. Bei Klavier mag das vielleicht noch ansatzweise gehen (ich hatte Gesang als Hauptfach und nicht Klavier!), bei anderen Instrumenten wird es schwierig.

      Stefan hat die unterrichtlichen Bedingungen ja schon angerissen. Das Unterrichtsthema bot keine Möglichkeiten, sich als Klaviervirtuose einzubringen.

      Abgesehen davon weichen wir da vom Thema ab. Es ging ja darum, ob Zeugnisse bzw. Zeugnisnoten etwas über die Person aussagen.
      Die Noten, die ich gebe, sagen immer nur etwas über die Leistung eines Schülers aus und nicht über die Person. Mittelbar sagen sie allenfalls etwas über die Person aus, wenn die "fünf" beispielsweise durch schlechte Leistungen aufgrund von Faulheit erteilt wurde.
      Aussagen zur Person treffe ich wenn überhaupt nur im persönlichen Gespräch mit dem Schüler bzw. seinen Eltern.
      Alles andere wäre auch meines Erachtens unprofessionell.

      Gruß
      Bolzbold
      Wer als Ar*** geboren wurde, der konnte doch nur Lehrer werden. ;)

      Ach ja: Wer in diesem Statement die Ironie findet, darf sie behalten. ;)
    • "oh-ein-papa" schrieb:

      Okay, kommen wir mal auf die - für NRW neuen - Noten für das Arbeitsverhalten und für das Sozialverhalten auf Zeugnissen ("Kopfnoten") zurück.

      Sagen diese nicht explizit und per Definition etwas über die "Person" des Schülers aus?


      - Martin


      Nein, Kopfnoten sagen etwas über das Sozialverhalten in der Klassen- und Schulgemeinschaft und über das Arbeitsverhalten in der Schule aus. Sie sind kein Urteil über die Persönlichkeit des Schülers (so ein Urteil würde ich mir als Lehrer niemals anmaßen).
      Natürlich spielt die Persönlichkeit eines Schülers eine Rolle bei der Frage, wie sich dieser Schüler in der Schule verhält, sie wird aber nicht direkt benotet.

      Im übrigen ist Sozialverhalten im System Schule unter anderen Kriterien zu begutachten, als zum Beispiel aus Sicht der Familie oder der Freunde.

      Ein Beispiel, das ich selbst erlebt habe: Eine Schülerin der 9. Klasse gehört in die Kategorie "opinion leader", sie hat hohes soziales Ansehen bei ihren Mitschülern. Wenn es um Diskussionen in der Klasse geht, gehört sie oft zu den Wortführerinnen. Dabei tut sie sich insbesondere dann hervor, wenn es darum geht, mit dem Lehrer über Hausarbeiten und Noten von Klassenarbeiten zu diskutieren. Ihre Mitschüler finden das natürlich "total sozial", wenn sie versucht Mitschülern zu besseren Noten und weniger Hausarbeiten zu verhelfen. Daher kommt es auch zu massiven Protesten in der Klasse, als die Lehrerin ihr nur eine 3 im Sozialverhalten gibt (im Vergleich zu den übrigen Schülern eher unterdurchschnittlich). Dennnoch ist die Note vom Standpunkt der Lehrerin aus gerechtfertigt, auch wenn die Schülerein ein "nettes Mädchen" ist, da sie mit der Note für Sozialverhalten eben nicht bewertet, wie "nett" jemand ist.
    • Einen Verbündeten im Kampf gegen die fickpissige Idee zur Einführung „moderner Kopfnoten“ werden Schülerinnen und Schüler in Niedersachsen wohl nur in der GEW (Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft) finden. Deren Vorsitzender Torsten Post sagte, bei Kopfnoten gehe es um „Zwang zu Wohlverhalten, Erzeugung von Duckmäusertum und Dressur; die Disziplinierung der Schüler mit Verhaltensnoten [ist] ein Rückfall ins pädagogische Mittelalter“.
      Schule ist so schon schlimm genug. Es muß verhindert werden, daß sie auch noch ein Urteil über die Persönlichkeit von SchülerInnen fällt.


      Dieser Artikel ist erstmals in der junge-linke-Zeitung "Fortlaufenden Nummer" 5, 1999, erschienen


      Tja, jeder sieht die Kopfnoten anders. Allerdings entschliessen sich immer mehr Bundesländer zu Kopfnoten. Zum Glück sind wir noch nicht betroffen.

      parents
    • Wie viele Aussagen der GEW ist auch diese derartig ideologisch geprägt, dass sie für mich nicht als ernsthafte Diskussionsgrundlage taugt (Was beim Philologenverband allerdings auch nicht viel besser aussieht.).

      Ich persönlich bin auch gegen Kopfnoten, allerdings aus anderen Gründen: Die Bedeutung, die den Kopfnoten in der Schule beigemessen wird steht in keinem Verhältnis zu der Bedeutung, die ihnen teilweise außerhalb der Schule beigemessen wird. Wenn Schüler keinen Ausbildungsplatz bekommen, nur weil eine 3 als Kopfnote bei einigen Lehrbetrieben schon ein Ausschlusskriterium ist (weil andere Schulen nichts schlechter als 3 vergeben) richtet das Instrument mehr Schaden als Nutzen an.

      Allerdings muss man auch mal feststellen, dass der Ruf nach einer Erziehungsfunktion der Schulen in den letzten Jahren immer größer wird (leider auch weil innerhalb der Schulen bei einigen Schülern hier große Mängel festgestellt werden). Wenn man möchte, dass innerhalb der Schule auch Erziehung stattfindet, muss man den Lehrern auch Werkzeuge dafür an die Hand geben.
    • "parents" schrieb:

      möbius schrieb:
      Die Bedeutung, die den Kopfnoten in der Schule beigemessen wird steht in keinem Verhältnis zu der Bedeutung, die ihnen teilweise außerhalb der Schule beigemessen wird.


      Das ist auch meine Befürchtung...
      parents


      Die Frage ist dann, wieso die Bedeutungen innerhalb und außerhalb der Schule so voneinander abweichen. Wieso lesen möglicherweise Eltern auf der einen und Lehrer auf der anderen Seite diese Kopfnoten so unterschiedlich?
      Wie kommt es zu dieser unterschiedlichen Wahrnehmung?

      Ich denke, wir sind uns in dem Punkt einig, dass Persönlichkeit sich nicht in Noten abbilden lässt, und selbst wenn dies praktiziert würde, es menschenverachtend wäre.
      Inwieweit Sozialverhalten und Leistungsbereitschaft sich in Schulnoten eindeutig quantifizieren lassen, wage ich auch zu bezweifeln. Im Endeffekt haben wir 10 verschiedene Lehrer, die ein und denselben Schüler auf 10 verschiedene Weisen wahrnehmen.

      Gruß
      Bolzbold
      Wer als Ar*** geboren wurde, der konnte doch nur Lehrer werden. ;)

      Ach ja: Wer in diesem Statement die Ironie findet, darf sie behalten. ;)
    • bolzbold schrieb:
      Die Frage ist dann, wieso die Bedeutungen innerhalb und außerhalb der Schule so voneinander abweichen. Wieso lesen möglicherweise Eltern auf der einen und Lehrer auf der anderen Seite diese Kopfnoten so unterschiedlich?
      Wie kommt es zu dieser unterschiedlichen Wahrnehmung?


      Ich kann es mir nur so erklären, dass wir natürlich grundsätzlich als Menschen unterschiedlich sind und auf verschiedene Weise geprägt wurden, durch Erziehung und soziales Umfeld, Schule, Freunde, Arbeitsleben etc..
      Ich denke, dass dadurch unser ureigener Blick auf die Welt entsteht.

      parents