"Ich hätte gern die Eltern der Sieger gefragt, welchen akademischen Titel sie haben. Oder ob die Eltern mancher Kinder nicht kommen konnten, weil kein Armani-Sakko im Schrank hängt oder schlichtweg nicht das Geld für die weite Anfahrt und ein Hotel da ist."
Mein Kommentar: Der Artikel polarisiert natürlich. Keiner der Jugendlichen musste die Zugfahrkarte oder das Hotelzimmer bezahlen. Es geht nicht unmittelbar um die Geldtasche der Eltern, wenn Jugendliche zum Entschluss gelangen, bei Jugend-forscht mitzumachen. Es geht also auch nicht um einen Armani-Anzug oder ein Colucci-Kleidchen im Schrank, sondern um die innere Einstellung zu Wissen und Bildung innerhalb der Familie. Dabei nützt in der Regel der akademische Grad von Mami oder Papi in der Regel sehr wenig, weil die Qualität der Projekte, die in Essen vorgestellt wurden, tatsächlich jede Vorstellungskraft der Eltern übersteigt. Die Detailkenntnisse und die spezielle Richtung in jedem der vorgestellten Projekte war zudem selten deckungsgleich mit der elternseits möglicherweise vorhandenen Ausbildung, die auch noch so manches Semester zurück gelegen haben durfte. Nein, es war weder das Geld, noch der fachliche Rückenwind aus dem Elternhaus, was die Jugendlichen dort in der Philharmonie zusammengebracht hatte. Es traf sich vielmehr die Auslese derjenigen, die sich - trotz der miserablen Motivationsstrategien in Deutschlands staatlichen Schulen - die Neugier und den Wissenshunger bewahren konnten.
Aber der Artikel hat auch Recht, wenn er Schawans Sonntagsrede über die Erfordernis von mehr Investitionen in Bildung und Forschung der traurigen Realität entgegenhält. Warum ist Jugend-forscht keine gelebte Selbstverständlichkeit an jeder Schule? - Warum ist das Erhalten des forscherischen Spieltriebs in den Schulen so sehr ins Hintertreffen geraten, wenn unsere Gesellschaft doch gerade solche klugen Köpfe für unsere Zukunft braucht? - Warum bricht lieber jeder siebte Schüler die Schulausbildung ohne Abschluss ab? - Warum werkeln dagegen bloß etwa 1 Promille der 9 Millionen deutschen Schüler bei Jugend-forscht mit? - Was genau unterscheidet denn einen Jugend-forscht-Teilnehmer von seinem träge gelangweilten Pendant? - Mir kamen bislang die jungen Leute ganz normal pubertierend und voller jugendlich-chaotischen Emotionen vor. Sie sahen aber nicht aus wie bleiche Stubenhocker oder verschreckt hinter Büchern kauernde Mauerblümchen, und sie hatten auch keine "Elite"-Allüren. Aber sie hatten immer dieses bestimmte Funkeln in den Augen, wenn sie an ihrem Projekt arbeiten durften. Ich denke, das war rückblickend stets der wichtigste Unterschied...
Ich bin immer froh und auch stolz, wenn ich meinen Schützlingen in einem schön geschmückten Saal applaudieren darf. Man kann sich darüber mockieren, dass es insgeheim eine Werbeveranstaltung für die Sponsoren aus der Wirtschaft ist. Ich finde es aber legitim, dass diejenigen, die dem unverzagten Rest unserer Gernedenker eine der letzten Spielwiesen für das Ausleben von wissenschaftlicher Fantasie und geistiger Kreativität bieten, auch belobigt werden sollten. Ja, es wäre schön, wenn wir dabei auch der Schulpolitik zujubeln könnten. Aber solange in unseren Schulen die Abwicklung des jugendlichen Tatendrangs zugunsten einer Mentalität des finanziellen Steinbruchs vorherrscht, werden die Wirtschaftskapitäne eben einspringen müssen, um zu retten, was zu retten ist...
Und dann bringt es Ralph Labonte es in seiner Rede auf den Punkt:“Wenn in den Bewerbungsunterlagen eine erfolgreiche Teilnahme an ´Jugend forscht´vermerkt ist, hat der Bewerber gute Chancen, ganz oben auf dem Stapel zu landen.”
Nun ja, diese 179 jungen Landessieger, die dort in Essen ihre Ideen dem prüfenden Blick der Fachjuroren ausgesetzt hatten, werden nicht die 60.000 dringend benötigten Fachkräfte in Deutschland ersetzen können. Die Schere wird eher noch viel weiter auseinander gehen. Daran ändert auch nicht die erfreuliche Tatsache, dass die Jugend-forscht-Bewegung in diesem Jahr einen Teilnehmerrekord verzeichnen konnte. Tragisch ist nämlich, dass die Initiative für diesen Wettbewerb in den 60er Jahren vom Stern-Chefredakteur ins Leben gerufen wurde, als er schon damals einen "Bildungsnotstand" in Deutschland diagnostizierte. Seit dieser Zeit wringt Jugend-forscht die verbliebenen Neugierigen aus der immer katastrophaleren Schulmisere heraus. Und immer noch werden wissensdurstige Schüler als "Streber" gemobbt und gleichzeitig Gelder aus der Bildung gepresst. Deutschland wird dabei immer ärmer. Ärmer an klugen Köpfen, ärmer an Grundbildung und ärmer an Kompetenz... Keiner der jugendlichen Forscher, die ich je betreut hatte, fingen mit dem kreativen Denken deswegen an, weil sie künftig mal ihre Bewerbungsunterlagen aufwerten wollten. Das Fördern und die wohlwollende Handreichung von pfiffigen Naturen hat in den USA eine viel längere Tradition und verursacht dort nicht dieses landläufige Nasenrümpfen gegenüber vermeintlichen "Strebern", wie dies exemplarisch im oben verlinkten Artikel deutlich wird. Die Bildungspolitik in Deutschland fängt bei jedem von uns an. Die Bildungsmisere in unseren Schulen ergibt sich zu einem großen Teil aus weit verbreiteter Missgunst und gleichzeitig offensichtlichem Widerwillen gegenüber geistiger Leistungsbereitschaft. Dies macht es der Schulpolitik leicht, ihre immer dünner werdende Allgemeinplatzsuppe als vollwertige Bildung verkaufen zu können...
Ich werde mich weiterhin für neugierige Jugendliche einsetzen. Ich werde sie weiterhin beraten und betreuen. Und ich werde ihnen weiterhin ohne schlechtes Gewissen zujubeln. Aber ich werde wohl auch weiterhin dieses schale Gefühl nicht los, auf verlorenem Posten zu stehen... Trotz so mancher Sonntagsrede.
Nachdenkliche Grüße von
Marius
